Wenn Wellen und Wogen zum Übel werden von Jürgen Vogler

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Montag, 23. Juni 2008
von Jürgen Vogler
Oh, wie wohl wär`mir an Land!
Es gibt sie bereits so lange, wie wir Menschen denken können. Wir sind auch ganz sicher, dass wir sehr gut ohne sie auskommen. Manchmal überfällt sie uns schleichend, geradezu heimtückisch. Ein anderes Mal trifft sie uns wie ein Blitz. Sie ist wie ein Fluch. Eines ist sicher, keiner sehnt sich nach ihr, und wer sie erst einmal hat, möchte sie einfach nur wieder loswerden. Wir bekämpfen sie mit allen Mitteln, doch sie kehrt immer zurück. Manche von uns nennen sie sogar "Die Geisel der Menschheit" - die Seekrankheit. Dabei darf die "Seekrankheit" sich auf ihre vermeintliche Einmaligkeit gar nichts einbilden, denn ihre Symptome, die an dieser Stelle aus Gründen der Rücksicht und zur Verhütung schmerzlicher Erinnerungen im Einzelnen bewusst nicht erörtert werden sollen, können bei Reisen zu Land und in der Luft schließlich in ähnlicher perfider Erscheinungsform auftreten. Gerecht geht es allerdings " wie so oft in unserer Welt " auch bei der Seekrankheit nicht zu. Die Bandbreite ist riesengroß, wenn man die Personen betrachtet, die von ihr befallen werden oder eben auch nicht. So gibt es Menschen, die bereits bei dem Gedanken an ein Wasserbett bedenklich schnell grün um die Nase werden. Andere wiederum freuen sich schon sehnlichst auf die nächste Rundung von Kap Horn und wissen überhaupt nicht wie man Seekrankheit schreibt. Laut einer Studie des Hershey Medical Centers in Pennsylvania werden rund 50 bis 60 Prozent Menschen weißer oder schwarzer Hautfarbe seekrank. Die Chinesen hingegen waren die absoluten Rekordhalter, denn sie schafften bei allen Versuchen problemlos 100 Prozent. Warum das so ist, weiß niemand so ganz sicher. Einig sind sich die Wissenschaftler darüber, dass unser Innenohr für unser Gleichgewicht zuständig ist. Befinden wir uns beispielsweise auf einer bewegten Yacht und widmen uns intensiv dem Kartenstudium, dann erhält unser Gehirn eine irritierte Nachricht. Die Empfindungen unseres Gleichgewichtsorgans stimmen nicht mit den Informationen überein, die unser Auge an das Gehirn weiterleitet. Und schon wird uns übel. In diesem Zusammenhang könnten ganz Pfiffige unter uns sehr schnell zu der Frage kommen: "Wieso werden denn die Wale nicht seekrank, obwohl sie auch Säugetiere sind"? Um es kurz zu machen, Schuld sind die drei Bogengänge des Gleichgewichtsorgans. Findige Biologen haben festgestellt, dass sich bei den Walen, als sie vor rund 40 Millionen Jahren vom Land ins Wasser gingen, in einer affenartigen Geschwindigkeit die Bogengänge verkleinerten. Auf diese Weise reduzierten sie ihre Empfindlichkeit hinsichtlich der Lageveränderungen ihres Körper und können heute ohne Angst vor der Seekrankheit innerhalb und außerhalb des Wassers unbekümmert ihre Pirouetten drehen. Zugegeben, weder die Nachricht, dass allen Chinesen an Bord stets übel wird, noch die erfolgreiche Entwicklung der Wale tröstet einen aktiv Seekranken tatsächlich. Nun zu der alles entscheidenden Frage: "Was hilft gegen Seekrankheit?" Jeder, der sich mit diesem Thema schon einmal beschäftigt hat, weiß sicherlich ein Lied davon zu singen. Das Angebot und die hochgepriesenen Allheilmittel sind schier unerschöpflich. Ob das magnetisierende Armband, das Pflaster hinter dem Ohr, Ingwer oder gleich die chemische Keule aus der Apotheke, alle Mittel helfen oder auch nicht. So wie jeder Mensch sich vom anderen unterscheidet, so reagiert er auch ganz unterschiedlich auf die verschiedenen Therapien. Probieren geht auch hier über studieren. Gut beraten ist jeder von uns, wenn er sich die Tipps der erfahrenen Segler ein wenig genauer betrachtet. Jene Bummler über die Weltmeere und alten Regattahasen haben in ihrem wasserverbundenen Leben so viele praktische Erfahrungen gesammelt, so dass es geradezu unvernünftig wäre, ihren Rat zu verschmähen. Vorbeugend kann man sich allerdings bereits auch vor einem Törn verhalten. Wer noch am Vorabend in Kenntnis seines sensiblen Magens die Gläser hell klingen lässt und seinen Kater kurz vor dem Ablegen noch mit sechs Tassen Kaffee bekämpft, der muss garantiert nicht erst auf acht Beaufort warten, um dem Meeresgott zu opfern. Sollte es um einen Chartertörn gehen, dann könnte für seekrankgefährdete Geister auch die Wahl der Yacht nicht unbedeutend sein. So zeigen sich Mehrrumpfboote bei bewegtem Wasser bekanntermaßen eher von der gutmütigen Seite. Wer hingegen die freie See ohne Übelkeit partout nicht verkraftet, aber trotzdem die maritimen Sehnsüchte nicht ganz verdrängen möchte, dem bieten Kanalfahrten und Hausboottouren eine interessante Alternative, garantierte ohne Seekrankheit. "Die Geisel der Menschheit" ist nicht die Seekrankheit, es war früher die Bezeichnung für die Pest. So gesehen hat die Seekrankheit noch etwas Gutes. Im Vergleich zur Pest kann man sie umgehen oder auch die richtige Medizin dagegen finden. Selbst wenn man im höchsten Grad aller Übelkeit am liebsten über Bord springen möchte, ist eines doch gewiss: Die meisten Seekranken erfreuen sich wieder bester Gesundheit.

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