Von Null auf Zehn in sechs Tagen

Von Null auf Zehn in sechs Tagen

Abwechslungsreicher Törn durch die Falten Mitteldalmatiens
37 Fuß lang und Schneeweiß – ein Prachtstück, unsere „Sarah“. Der Nachbar nennt sie sogar  einen „Mercedes“ ihrer Klasse. So schwärmen können nur solche, die „auf  Droge Segeln“ sind. Warum, dachte sich Dr. Peer Schmidt-Walther, nicht mal einen Schnupperversuch unternehmen? Das sagten wir uns auch. Kaum angekommen, staunt der Skipper: „Ich glaub´, ich bin im Wald!“ Man fühlt sich wie umzingelt – von rund 400 Masten. Gemeint ist die moderne Marina Kastela nordwestlich von Kroatiens Hauptstadt Split. Am Rande eines „interessanten Segelreviers, das“, so die Info-Broschüre verlockend, „genau richtig ist für Anfänger.“ Und zu denen zählen wir uns. Notenloser Unterricht Anfang Mai herrscht noch ruhiger Vorsaisonbetrieb. „Eure ´Sarah` ist nach der Winterpause gerade erst wieder einsatzklar gemacht worden“, sagt der Marina-Mann – hier „Matrose“ genannt –, „damit seid ihr die ersten in diesem Jahr.“ Noch eine Überraschung: Am Tag unserer Übernahme hat sie ihren zweiten Geburtstag. „Das wird heute Abend gefeiert“, beschließt das dreiköpfige Team aus Norddeutschland spontan. Nur womit? Die Entscheidung muss verschoben werden, denn unser „Matrose“ Tonci bittet zur Einweisung. Sechs Ohren – damit mehr Lernstoff haften bleibt – lauschen seinen knappen englischen Erklärungen. Bloß keine Scheu haben, immer wieder nachzufragen, wenn etwas nicht genau kapiert worden ist. Zum Glück gibt es für diesen Unterricht  keine Noten. Aber auf See ist man allein mit Boot und Technik, die verstanden sein will. „Zur Not“, sagt Tonci, „könnt ihr mich jederzeit anrufen“. Abwartendes „Mir nomore“ Eine Liste wird zusammengestellt, was drei völlig unterschiedliche Mäuler so für eine Woche brauchen. Dann aber nichts wie los! Auf der Pier stehen große Einkaufswagen. Wir schnappen uns einen und rasseln los. Pro Nase kommt „Stoff“ für 595 Kuna oder umgerechnet 85 Euro zusammen. Der Wagen wird proppenvoll. Damit zockeln wir halb schiebend, halb ziehend rund einen halben Kilometer entlang der viel befahrenen Hauptverkehrsstraße. Unterwegs begegnen uns weitere Crews auf Shopping-Tour. Nach zwei Stunden ist alles stampf- und rollsicher an Bord verstaut. Wer hätte das gedacht? Die elfeinhalb Meter lange Bénéteau „Oceanis 37“ bietet eine erstaunliche Menge Stauraum. „Hätte ich nicht gedacht“, staunt Felix und entkorkt eine Flasche roten Dalmatiner. „Mir nomore!“ haben wir schon von Danijela, der freundlichen, perfekt Deutsch sprechenden Charterboot-Dame, gelernt, heißt: „Gute Reise!“ Auf die stoßen wir an und vergessen nicht, einen Schluck Rasmus zu opfern, denn der Spruch bedeutet im ursprünglichen Wortsinn: „Stilles Wasser“. Wir sind überzeugt, damit unseren Teil zur Besänftigung der Meeresdame Adria getan zu haben. „Na, mal sehen“, gibt Ute eher abwartend zu bedenken, genießt aber nicht weniger fröhlich den Wein. Danach eine lange Bauernnacht mit einschläferndem Wellengluckern unterm Kiel. Ruhiger Ankerplatz Frühstücken, aufklaren und Vorbereitung zum Auslaufen. Im Mittelmeerraum wird allgemein „römisch-katholisch“ festgemacht, also mit dem Heck zur Pier. Eine Mooringleine, die am Grund und am Steg befestigt ist, hält den Bug auf Position. „Du gehst nach vorn“, weist mich Ute ein und löst die Leinen, „Felix besetzt das Ruder.“ Der startet die Maschine und legt den Gashebel auf ganz langsam voraus. Mit knirschenden und quietschenden Gummifendern schiebt sich „Sarah“ im Zeitlupentempo aus ihrer engen Parklücke und dreht auf ein Hart-Backbord-Manöver willig ins Marina-Becken. „Wir fahren!“, entfährt es uns fast gleichzeitig, ein guter Start für die „Sarah“-Crew, die sich noch zusammenraufen muss. Gemeinsam gesegelt ist man noch nicht. „Auslaufen 14.00 Uhr mit Kurs 180 Grad bei südöstlichem Wind Bft. 5“, notiert Ute ins Logbuch, das sie fortan akribisch führt: „Wat mut, dat mut!“ „Segelsetzen!“, heißt es dann. Rollfock und -groß werden per Winsch und Hand über Hand „ausgewickelt“. „Sarah“ legt sich elegant auf die Seite und rauscht nach Süden. Voraus im Abendlicht die große Insel Brac, die wie der Buckel eines Riesenwals vor dem traumhaften Küstenpanorama ruht. Keiner von uns hat heute Nacht Lust, in eine laute Marina einzulaufen. Die Entscheidung fällt zugunsten eines sicheren, ruhigen Ankerplatzes. Also gleichen wir die elektronische Seekarte im Steuerstand mit unseren Fernglasblicken ab. „Da vorn“, zeigt Ute voraus, „das könnte unsere Bucht sein.“ Nächtliches Orgeln Nach acht Seemeilen durch die grandiose Fels-Wasser-Landschaft unter goldrotem Himmel heißt es „Segelbergen, Motor an!“ Das Echolot zeigt noch satte 17 Meter Wassertiefe. „Gut so, lass´ fallen Anker!“ Felix lässt einen gehörigen Sicherheitsabstand zum Ufer, „damit das Boot schwojen kann und seinen Drehkreis behält“. 50 Meter Kette, alles, was wir haben, rauschen in das beinahe schon kitschig türkisfarbene Wasser. Mit rückwärts laufender Maschine zieht „Sarah“ die Kette straff. „Der hält“, sind wir uns einig, „aber bitte immer, auch nachts, den Anker beobachten, ob sich unsere Position verändert“, weist uns Ute in die Pflichten eines Ankerliegers ein. Weithin strahlt der mit seiner Rundumleuchte auf dem Masttopp. Wir sind allein. Eine Bucht ganz für sich allein zu haben, das kann keine Hafenpier überbieten. Und niemand kommt zum Kassieren. Die Badeleiter wird ins Wasser geklappt und eine erste Schwimmrunde probiert. 16 Grad zeigt das Display am Ruder. „Ich geh´ erst ´rein, wenn eine Zwei vorn steht“,  schüttelt sich Felix. Bei Klönschnack und Dalmatiner zwischen „Jolle und `Gorch Fock`“ klingt der erste Abend unter blankem Sternenhimmel aus. Die Lichter des kleinen Insel-Städtchens Milna flackern herüber.  Bis es irgendwann nachts anfängt zu orgeln. „Sarahs“ Rigg pfeift nervös, ihr Rumpf schüttelt sich. Die Unruhe treibt uns fast gleichzeitig aus den warmen Kojen an Deck. Über die Pinienwipfel greift ein kalter Wind nach unserem Boot, dreht es und lässt es wie ein Spielzeug wippen. „Hält der Anker?“, bewegt uns die bange Frage. Bis zum Morgen finden wir nicht mehr richtig in den Schlaf. Sonntäglicher Segeltag Schreck am Morgen: Wir driften, der Anker schleift haltlos über den Grund. Durchziehende Böen rauen die See wie eine Patchwork-Decke auf, rütteln an Boot und Kette. Das gegenüberliegende Ufer kommt bedrohlich näher. Zum Glück zeigt das Echolot genügend Wasser unterm Kiel. „Maschine starten und Anker auf, aber dalli!“, ruft Ute und stürzt nach vorn. Schleppend wickelt sich die scheinbar endlose Kette über die Winde in den Kasten. „Das war knapp!“, findet Felix. Unter Vollzeug schießt „Sarah“ aus der halbmondförmigen Bucht. Vom Festland her nähert sich eine Kavalkade weißer Dreiecke. Es ist Sonntag, Segeltag. Wir folgen der Empfehlung von Danijela und wollen Kurs nehmen auf die 18 Seemeilen entfernte Insel Vis. Doch kaum steckt „Sarah“ bei Kap Zaglav ihre robuste Nase um die Ecke, bekommt sie auch schon eins drauf und fängt an zu stampfen. Schaumkämme sprenkeln die Wellenkämme. Wir holen Genua und Groß dichter. Der Kurs ist auf die kleine Inselgruppe Pakleni Otoci abgesetzt, die westlich der großen Insel Hvar liegt. Felix überlässt jetzt dem „Eisernen Steuermann“ das Ruder. Die Automatik gönnt ihm eine Ruhepause. Als „Sarah“ aus dem Insel-Lee herauskommt, ist sofort Reffen angesagt. Zu den schräg von vorn anrollenden Wellen muss man aus „Höhe Null“ langsam aufsehen, und der Wind frischt spürbar auf. „Über 22 Knoten Wind zeigt das Display“, ruft Felix uns begeistert zu, „das ist ´ne Stärke sechs mit zwei Meter hohen Wellen“. Unser Kielwasser signalisiert gutes Tempo. Böser Jugo Bald sind die kahlen Inselchen querab, und wir müssen weiter reffen. Die See wirft sich schäumend gegen die Felsen. Achteraus ist kein Segel mehr zu sehen. „Die haben sich alle verkrümelt“, grinst Ute und freut sich auf einen „zünftigen“ Törn über die offene See. Vis ist die äußerste der dalmatinischen Inseln, die sich als dunstverhangener Schatten weit voraus, knapp über den Wellenkämmen, abzeichnet. Uns hat doch glattweg der Jugo erwischt, ein warmer, feuchter Schirokko-Starkwind aus Süd-Ost mit Gänsehaut-Gefühl. Der Radio-Wetterbericht hat ihn nicht angekündigt. Zu bedrohlichen Vier-Meter-Bergen türmt sich die See auf, die unsere „Sarah“ von der Seite angreifen und sie Berg- und Tal fahren lassen. Die stahlblaue Adria steigt gleich mit ins Boot und kriecht durch die Kragen unserer Jacken. Ein Glück, dass in Bootsmitte Schlingerleisten angebracht sind, sonst gäbe es kein Halten mehr in der überspülten Plicht. Um uns herum ein Orgel- und Pfeifkonzert, das sich gewaschen hat. Der Windmesser ist unbestechlich: 45 Knoten Wind, in Spitzen sogar knapp über fünfzig. Das sind neun bis zehn Stärken auf der Beaufortskala: schwerer Sturm! Und wir mittendrin im brüllenden Hexenkessel mit chaotischem Wellenbild. Wie würde das ein befreundeter Kapitän kommentieren: „Seeleute hassen nichts mehr als Kälte, Nässe und Wind!“ Und ein anderer: „Segeln ist die teuerste Art, unbequem Urlaub zu machen“. Ist doch nicht so weit hergeholt, oder? Doch es hilft alles nichts, auch keine Sprüche: Überstehen ist jetzt alles! Plötzlich ein hässlicher Knall, der uns in die Glieder fährt. Der fingerdicke Niro-Schäkel am Schothorn des Großsegels hat seinen Geist aufgegeben und sich den brachialen Naturkräften gebeugt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Jugo hat die stählerne, normalerweise sehr stabile U-Form geradegebogen. „Das kriegen wir wieder hin!“, brüllt Ute zuversichtlich gegen den Sturm und turnt mutig mit Bändsel und Takelmesser barfuß aufs Salondach. Schon 1866 benahm sich die See hier so, wie wir sie jetzt erleben. Wir torkeln über ein historisches Seegebiet: Am damaligen 20. Juli tobte hier nicht nur das Wetter, sondern auch die Seeschlacht von Lissa zwischen Österreichs (siegreichen) und Italiens Seestreitkräften. Damals hieß die Insel mit ihren zahlreichen griechisch-römischen Fundstätten noch Lissa. Freundlicher Lebenskünstler Als der Leuchtturm von Stoncica Backbord voraus in Sicht kommt, atmen wir auf. Doch erst im Innern der tief eingeschnittenen Bucht von Vis, zu österreichisch-ungarischer Zeit schwer von Kanonenbastionen bewacht, beruhigt sich die Lage. „Lasst uns erst mal ´ne Hafenrundfahrt machen“, schlägt Felix vor. Wir brauchen jetzt einen ruhigen Liegeplatz zum Entspannen, Trocknen und Salzabspülen. An der kleinen Mooring-Mole des malerischen Dörfchens Kut mit seinen amphitheatrisch angelegten Kalkstein-Häusern machen wir in Sichtweite der Kirche fest und bezahlen 175 Kuna Liegegebühr im kleinen Tourismusbüro. Nur wenige Segler haben hier Zuflucht gesucht. Vielleicht weil es im kroatischen Handbuch heißt: „Bei anhaltendem Nordwind kann der Wasserstand im Hafen erheblich ansteigen“, warnt der Hafenführer und empfiehlt, dann schleunigst auszulaufen. Werden wir wieder Glück haben? Auf jeden Fall, so viel ist sicher, nicht mit den Nachbarn: Die Russen sind schon da, unsere „Freunde“ aus der Marina Kastela. Vorbei mit der erhofften Ruhe! Das erneute Saufgelage passt nicht zur beschaulichen Stille des Ortes. Den hat sich auch Bartek, ein Alexis-Sorbas-Typ, ausgesucht. Wir treffen den polnischen Innenarchitekten und Lebenskünstler samt Hund vor seinem Haus am Hang mit Palme und Zitronenbäumchen im Garten. Nach der Führung durch sein eigenhändig ausgebautes Refugium schenkt er uns zwei historische Karten. Darauf die Seeschlacht von Lissa samt landseitigen Stellungen der Kanonen mit ihren Streichwinkeln und Reichweiten. Beeindruckend! Ebenso die Motorradwerkstatt von Luka. Freundlich lädt der Hobby-Schrauber zur Besichtigung seines mit BMW, DKW oder Zündapp aus Vor- und Nachkriegszeit gut bestückten Oldtimer-Museums. Dafür interessiert sich auch ein ZDF-Team, das eine Doku-Familiengeschichte dreht. „Die Abgeschiedenheit hier eignet sich besonders dazu“, erklärt der Kameramann, und unsere Darsteller leben auf der kleinen Leuchtturminsel am Buchteingang.“ Ihre Rückkehr dorthin per Boot sei wegen des Sturms zur Zeit allerdings nicht möglich. Zermürbendes Wechselspiel „Immer noch zwanzig Knoten Wind“, kratzt sich Felix den Kopf, „aber wir sollten trotzdem mal wieder los!“ Nach schneidigem Segelsetzen noch in der Bucht packen uns wieder launische Böen und drücken „Sarah“ auf die Seite. Reffen ist das Gebot der Stunde. Hoher Schwell lässt zudem das Boot tanzen. „Ohne Kreuzen kommen wir hier nicht ´raus“, meint Felix und ruft auch schon „Klar zur Wende – Ree!“, Leinen fliegen, Winschen quietschen – „ein perfektes Manöver!“, lobt unser Skipper. Weniger zufrieden ist er mit der Wetterlage. Unser ursprüngliches Ziel, die Insel Korcula, geben wir auf wegen der Windrichtung vierkant von vorn. Wir entscheiden uns, auf Hvar abzufallen und das Kap Pelegrin anzusteuern. Durchrutschen zwischen zwei Mini-Eilanden der Pakleni Otoci-Gruppe? Wir überstehen auch diese Zitterpartie schadlos und runden bald in 30-Grad-Schräglage Pelegrin mit dem Ziel Stari Grad oder zu Deutsch: Alte Stadt. Die dicht unter Land vorbeischäumende Jadrolinja-Fähre weist uns den Weg. Doch der Wind spielt nicht mit: Er beschert uns ein zermürbendes Wechselspiel aus wütenden 30-Knoten-Böen, die von überall her einfallen, und schlaffer Null-Knoten-Windstille. Sportliches Kreuzen samt Ein- und Ausreffen ist angesagt. Wir segeln eben durch Täler oder auch Falten des Dalmatinischen Gebirges mit Düseneffekt. „Normalerweise“, lesen wir im Törnführer, „kein bis leichter Wind im Seegebiet der 1246 kroatischen Inseln.“ Eigentlich ideale Voraussetzungen. Oder mischt der globale Klimawandel auch hier schon kräftig mit? Unbestechliches Logbuch 30 Seemeilen und sechseinhalb Stunden weiter. Der kleine, kuschelige Hafen mit historischer Hafenmeisterei hinter Palmen ist sicher und sehr alt: Schon 350 vor Christus gab es ihn. Regen zwingt uns in den Salon, aber zwischendurch ist Pause für einen Stadtrundgang, von Nachtigallengesang untermalt. Sandregen aus der Sahara hat unser Schiff inzwischen Gelb eingefärbt. Im Sommer wird es, nach den Liegeplätzen und Kneipen zu urteilen, hier anders aussehen. Da kassiert der Hafenmeister nicht nur 315 Kuna pro Liegenacht, sondern – und das wohlgemerkt ohne Duschen und Toiletten! – das Doppelte. Kroatien ist längst kein seglerisches Billig-Paradies mehr. Eine Nacht zum Batterieladen und Wasserbunkern reicht. Diesmal nerven slowenische Nachbarn mit ihrem feucht-fröhlichen Gelage und schrill kichernden Frauen-Stimmen. Nach ein paar kroatischen Bieren finden wir mit Ohropax doch noch in den Schlaf. Am nächsten Morgen wieder das übliche Wetter-Roulette. Dazu Utes Logbuch: „Starkwind-Vorhersage 35 Knoten (8 Bft., stürmischer Wind), ab 14.00 Uhr nachlassend. 15.00 Uhr Auslaufen vor dem Wind. Wird immer stärker. Laufen nur unter gerefftem Vorsegel. Böen bis 50 Knoten (Vorhersage „nachlassend“?!). Sonne, aber hohe achterliche See. 20 Seemeilen gelaufen. Drehen in Bucht von Necujam, Insel Solta, ein. Suchen sicheren, geschützten Ankergrund, nichts hält. Letzte Rettung: kleine Betonpier einer Feriensiedlung. Sehr starker Schwell, wird zwischen den Inseln reflektiert, scheint von allen Seiten zu kommen; Fender scheuern lautstark. Entscheiden daher, mit Steven an Mooringtonne und achtern mit vier Leinen an der Pier festzumachen. Nachts Wetterleuchten, Donner und Regen“. Für den vorletzten Tag haben wir uns einen 28-Seemeilen-Törn entlang der Nordost-Küste von Brac vorgenommen. „Sarah“ läuft bei Sonne und Regen munter vor dem Wind, manchmal kommt er auch halb, also von der Seite. Die Fahrt zwischen Festland und Insel ist ein Genuss, vor allem auch landschaftlich. An Backbord die steil aufragenden mitteldalmatinischen Berge, steuerbords kleine Würfelhäuschen-Ortschaften und die sattgrüne Insel. „Einfach herrlich!“, schwärmt Ute. Schlafender Wind Povlja ist unser Hafen: Liegeplatz mitten im idyllischen Ort längsseits der Pier. Unsere einzigen Nachbarn: ein australisches Ehepaar auf Weltreise, die ausgerechnet hier ihre holländischen Freunde getroffen haben. Sie fuhren mit eigenem Boot voraus, sozusagen in ihre Stammkneipe, die ihnen samt Liegeplatz vor der Tür gehört. Hilfsbereit nehmen die Fernsegler unsere Leinen an. Dann gibt es viel zu erzählen über die Unterwegs-Erlebnisse. „Am schlimmsten war es im Roten Meer“, sagt Betty, „da hatten wir nicht etwa mit Piraten, sondern nur mit Starkwind von vorn zu kämpfen.“ Viel Wasser sei ins Boot gedrungen. Diesmal herrscht Ruhe, kein Hafenmeister kommt zum Kassieren. Die Altstadt lädt ein zum Bummeln. Kultur pur: Hoch auf dem Berg thront eine frühchristliche Basilika, in der Nähe römische Ruinen und ein mittelalterlicher Wehrturm. Der ehemalige jugoslawische Marineschlepper hat schon bessere Tage gesehen. Sehr lohnend eine Wanderung am Südufer der Bucht entlang, unter duftenden Pinien und durch blühende Macchie. Beim öffentlichen Badesteg mit Dusche kann man nicht widerstehen: hinein ins jetzt schon 18 Grad warme Adria-Nass. Vorbeituckernde Fischer nicken anerkennend, aber schütteln sich dann gleich fröstelnd. Schweren Herzens laufen wir an unserem letzten Tag aus. Die Sonne brennt, und der Wind schläft. Die Zeit läuft davon. Da hilft nichts: Motor an – was wir eigentlich vermeiden wollten –, Segel bergen und ab nach Split zur Tankstelle. Schließlich müssen wir den Tank gefüllt übergeben. Am Freitagabend herrscht dort Segler-Stau, denn Sonnabendmorgen ist bei den meisten Vercharterern Übergabe. Ute hat eine Idee: „Ich fang´ schon mal mit dem Kochen an.“  Den glutroten Sonnenuntergang lässt sie sich aber nicht entgehen, vor allen Dingen nicht das Fotomotiv Felix. Der steht am Steven – und posiert mit ausgestreckten Armen in „Titanic“-Manier. Glücklich über die abwechslungs- und erlebnisreichen Törntage mit „Sarah“ – und uns natürlich, seine „Matrosen“. Nach dem Festmachen in der Marina Kastela kommen pünktlich Spaghetti mit Tomatensauce satt auf die Back: das Captain’s Dinner. „Na, dann Prost!“, klingen die Gläser, diesmal ohne  über Bord gekippte Adria-Beruhigstropfen. Und wie für uns bestellt: ein donnerndes, knallbuntes  Abschieds-Feuerwerk über Split. Infos: Boot:  Bénéteau „Oceanis 37“, 11,47 m Gesamtlänge, 3,91 m Breite, 1,90 m Tiefgang, Gewicht 6,4 t, Masthöhe 16,70 m, Großsegel 33,0 qm, Rollgenua 32 qm, Maschine 29 PS, Kraftstofftank 140 l, Frischwassertank 346 l, Fäkalientank 80 l, 3 Kabinen (6 Kojenplätze), 1 Salon, 1 Du/WC, Pantry mit Gasherd und Backofen, GPS, Autopilot, UKW-Seefunk, elektr. Seekarte, Logge, Echolot, 230-Volt-Steckdose, 12-Volt-Steckdose in der Navi, Einleinen-Reffsystem, elektr. Ankerwinsch, Traveller mit Leinenführung, Sprayhood, Bimini-Sonnendach, Cockpitdusche, Badeplattform Voraussetzungen: Sportbootführerschein See, Funkbetriebszeugnis (SRC) Revier: üppige Natur und historische Städte, unzählige malerische Buchten zum Verstecken, einsame Strände (die östliche Adria hat das sauberste Wasser im gesamten Mittelmeerraum), Karstlandschaft, Felsformationen, Riffe. Nirgendwo im Mittelmeer gibt es mehr Häfen, Ankerbuchten und Marinas. Die Distanzen zwischen den Inseln sind relativ gering. Mit allen Wetterlagen in kürzesten Zeitabständen muss gerechnet werden. Berge sorgen für Fallwinde, plötzliche Böen und zwischen zwei Bergen bzw. in pfortenartigen Tälern kann ein Düseneffekt entstehen. Unbedingt englischsprachigen Wetterbericht abhören! Auch für die Hafenwahl. Typische Windsysteme: Maestral aus Nordwest, Jugo aus südöstlichen Richtungen und Bora aus Nordost an der Festlandküste. In der Hochsaison (Anfang Juli bis Ende August) muss mit wesentlich höheren Liegebühren (auch für Bojenplätze) gerechnet werden. Vor- und Nachsaison bieten weniger volle Häfen und Ankerplätze (aber mit starker Bora und Sturmtiefs). Etmale zwischen 12 und 30 Seemeilen sollten eingeplant werden. Fazit:  insgesamt (wegen des Wetters) ein eher anspruchsvolles Revier, nichts für blutige Anfänger, obwohl unkompliziert (optisch) navigiert werden kann. Anreise: über den Flughafen Split (wird von vielen Billig-Airlines günstig angeflogen). Von dort Taxi (280 Kuna) zur rund 5 km entfernten Marina Kastela oder öffentlicher Bus (10 Kuna). Einkauf: Supermarkt in 500 m mit Marina-eigenen Einkaufswagen. Literatur: Kroatien, Buchten - Ankerplätze - Häfen – Landgänge, DSV-Verlag, ISBN 978-3-88412-366-9; Kroatien mit Slowenien, Häfen und Küsten von oben, Martin Muth, Delius Klasing Verlag, ISBN 978-3-7688-2603-7; Der erfolgreiche Chartertörn, Planung, Praxis, Reviere, Ludwig Brackmann, Delius Klasing Verlag, ISBN 978-3-7688-3134-5