Seemansgarn und Seele

Seemansgarn und Seele

Sonntag, 22. Juli 2007
von Jenny May
Ob Christliche Seefahrt, Marine-, Passagierschifffahrt oder private Segelei, die Frage der Schiffsseele bleibt. Foto May
Schon immer hat mich bewegt, worüber ich jetzt schreibe. Die Seele der Schiffe: gibt es sie überhaupt? Welche Schiffe haben sie? Nur, die die segeln können? Nur die alten? Nur die Großen? Wann hat ein Schiff eine Seele? Ist letztlich die Frage nach der Seele, wie Immanuel Kant sagt, wie jede Frage nach dem Absoluten eine Glaubensfrage. Das deutsche Wort Seele stammt vom althochdeutschen se(u)la ab, was die zum See Gehörende bedeutet. Irgendwie hat die Seele mit Wasser zu tun. Warum weint man Tränen, um die Seele zu reinigen? Warum steigt man auf ein Boot, um sich die Seele frei zu machen? Germanische Völker hatten die Vorstellung, dass die Seelen von Ungeborenen und Toten Teil eines dem Wasser ähnlichen Mediums waren. Bereits Platon (365-348 v. Chr) spricht vom Einfluss der Bewegung auf die Seele. Er läßt im Dialog den Athener sprechen: ?Wir wollen demnach annehmen, daß die Wartung und eine, womöglich, den ganzen Tag und die ganze Nacht fortdauernde Bewegung gleichsam das Grundelement der ersten Erziehung für beide Teile, Seele und Körper, und den Kindern überhaupt, um so mehr aber je jünger sie sind, zuträglich ist und daß dieselben, wenn es möglich wäre, stets wie in einem Schiffe wohnen müßten" Platon - Die Gesetze (Nomoi). Verhalten sich Yachten menschlich und Motoryachten weniger. Auf jeden Fall scheint mir die nachhaltige Benutzung (einiger Skipper) des Bugstrahlruders immer einer kleinen Vergewaltigung des Schiffes gleich. Wobei es mir nach wie vor nicht einleuchtet, warum Schiffe sächlichen Geschlechts sein sollen, wo sie doch bekanntlich weibliche Namen tragen. (La Nave, wie schön hört sich das im Italienischen an!) Niemand sagt ?der Cutty Sark? oder ?der Deutschland?. Ist die Seele weiblich? Einige klassische Philosophen, wie Thomas von Aquin lehrten die Meinung von der Unsterblichkeit der Seelen. Manchmal hat man das Gefühl, das Bootseigner und Schiff zusammengehören, wie zwei eineiige Zwillinge. Mein Bruder hat neulich einen schönen alten Riss von einem betagten Mann gekauft. Das erste, was ich ihn gefragt habe war, ob er denn dem älteren Herrn auch gesagt hat, dass er jederzeit mit dem Schiff segeln könne. Er antwortete, ja sicher. So richtig gibt es bis heute keine schlüssige Erklärung über die Schiffsseele. Doch das Seemansgarn alter Kapitäne ist voll von eigenwilligem Verhalten der Schiffe, obwohl scheinbar durch menschliche Hand gesteuert. Wenn auf einem Schiff das Holz arbeitet, dann scheint da mehr Seele als dort, wo die modernen Kunstfasern ganz andere Geräusche machen. Pfeifen an Bord soll Unheil bringen. Nur der Kapitän und der Wind in den Wanten dürfen pfeifen. Also, ich denke, wer auch nur ein bisschen abergläubisch ist, läßt das Pfeifen sein, es sei denn, er ist selbst der Kapitän an Bord. Wer viele Schiffe kennt, weiß, dass einige die Aura des Geheimnissvollen tragen. Manchmal hat das viel mit Geruch, Hören und physischer Wahrnehmung zu tun. Wer nur Mitsegler ist, wird es schwer haben, die Seele eines Schiffes zu erahnen und, nur wer auch mal am Steuer steht oder die Segelstellung ändert, wird einen Teil seiner eigenen Seele rettungslos an dieses Schiff verlieren können. Man sagt übrigens, dass die Seele eines auf See Gestorbenen in eine Kerze fahren oder auch in einen Vogel übergehen würde. Viel Spaß beim Segeln wünscht Ihnen aus tiefster Seele und aus tiefstem Herzen auf einem Schiff mit Seele und schönen Linien Ihre Jenny May