Der Hafenmeister, das unbekannte Wesen?

Der Hafenmeister, das unbekannte Wesen?

Donnerstag, 16. August 2012
von Jürgen Vogler
Der Hafenmeister an sich
Soviel sei gleich vorweg unmissverständlich festgestellt: Hafenmeister sind auch nur Menschen! Somit könnte man grundsätzlich zur Tagesordnung übergehen, doch auf irgendeine mystische Weise reizt das Thema ungemein, diese anscheinend doch besondere Spezies etwas näher zu betrachten. Keine Angst, vom Aussterben ist sie nicht bedroht. Im Gegenteil, der Hafenmeister an sich ist weltweit vertreten und erfreut sich einer durchaus ausgeprägten Artenvielfalt. Nähern wir uns also deshalb einmal ganz behutsam unserem Studienobjekt und legen ihn kurzerhand unter das Mikroskop: Der Hafenmeister, das unbekannte Wesen? „Hafenmeister sind für die Schiffbewegungen, die Sicherheit und die nautische Verwaltung von Häfen zuständig.“ Soviel zur offiziellen Definition des Berufsbildes „Hafenmeister“ durch die Bundesagentur für Arbeit. Schön zu wissen, aber bei unserer fast wissenschaftlichen Untersuchung hilft es uns wenig, um es genau zu sagen, es hilft uns gar nicht. Auch ein Blick in die Historie verspricht nicht unbedingt ein aussichtsreicher Forschungsansatz zu werden. Wohl aber müssen wir uns mit dem Begriff „Hafenkapitän“ in diesem Zusammenhang ein bisschen näher beschäftigen. Den Unterscheid zwischen beiden nur auf die Größe des Hafens zu projizieren, wäre doch zu einfach. Kleiner Hafen gleich Hafenmeister, großer Hafen gleich Hafenkapitän mag ansatzweise richtig sein, doch unzählige Skipper haben auch ganz andere Erfahrungen in ihrem Wasser verbundenen Alltag gesammelt. Gerade in südlichen Gefilden Europas und in anderen sonnenverwöhnten Segelrevieren kann einem Skipper kaum Schlimmeres geschehen, als nur nach einem Hafenmeister und nicht nach einem Hafenkapitän zu fragen. Eine solche Herabsetzung der amtlichen Würde wirkt sich unweigerlich negativ auf die Qualität des Liegeplatzes aus. Die Bedeutung jener überaus wichtigen Hafenkapitäne ist nicht selten bereits auch an seinem Äußeren zu erkennen. Weiße Mütze mit aufwendig goldenem Zierrat und dazu auch an den Jackenärmeln eine stolze Ansammlung von Kolbenringen ist ein eindeutiger Hinweis, besonders dann, wenn der Yachthafen lediglich über nicht mehr als 150 Liegeplätze verfügt. Und damit wären wir auch schon unserer Untersuchung ein Stückchen näher gerückt, denn in der Erscheinungsform des Hafenmeisters steckt der richtige Ansatz, seinem Wirken auf den Grund zu gehen. Unstrittig ist, dass Hafenmeister Respektspersonen sind. Die Frage ist nur, auf welche Weise zeigt sich dieses den Liegeplatzsuchenden. Auch wenn in Umfragen immer wieder die vorbildliche Arbeitsweise der Hafenmeister in den jeweils besuchten Häfen und Ländern gelobt wird, scheint es aber doch ein paar schwarze Schafe zu geben. Nicht von ungefähr hat eine bedeutende deutsche Yachtzeitschrift schon vor Jahren die Frage nach dem schlechtesten Hafenmeister gestellt. Keine Angst, nun soll unsere Nachforschung nicht einen inquisitorischen Charakter in der Form einnehmen, in dem jetzt eine Liste aller Häfen mit brummigen Hafenmeistern folgt. Ein kleines Beispiel soll uns aber einmal vor Augen führen, auf welche Weise es in einem Yachthafen sehr schnell zu einer stimmungsmäßigen Schieflage zwischen Schiffscrew und Hafenmeister kommen kann. Eine Charteryacht, elf Meter lang, mit fünf Männern an Bord läuft an einem Wochenende in einen gut belegten Yachthafen an der Ostseeküste ein. Ein freier Liegeplatz an einem Längssteg ist schnell ausgeguckt. Anschließend lässt sich die Crew zum traditionellen gemütlichen Einlaufbier im Cockpit nieder. Nach rund zwei Stunden, es bleibt nicht nur bei einem Bier, erscheint der Hafenmeister auf dem Steg und macht die fröhliche Crew mit ernsten und unmissverständlichen Worten auf ihr Fehlverhalten aufmerksam und weist ihnen einen neuen Liegeplatz zu. Im Internetforum beschwert sich später der Skipper über das unfreundliche Verhalten des Hafenmeisters und empfiehlt allen anderen, diesen Hafen in Zukunft zu meiden. Soweit zu unserer kleinen Geschichte. Jetzt haben wir zwei Möglichkeiten der Bewertung dieser Situation. Wir können einerseits dem Hafenmeister Unfreundlichkeit, einen rauen Ton und vielleicht auch noch manch andere negative Seiten anlasten, aber wir können auch das Verhalten der Yachtcrew betrachten. Keiner von ihnen würde je auf die Idee kommen, ohne zu klingeln in ein fremdes Haus zu gehen, und es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen, ohne den Hausherren um Einlass und Erlaubnis zu bitten. Aber genau so hat sich die Crew verhalten. Es gibt Regeln, die eigentlich jeder kennen sollte. Und dazu gehört in einem fremden Hafen als erstes der Weg zum Hafenmeister. Wenn das nicht geschieht und dieser dann anschließend sauer ist, verwundert das kaum. Es macht ihn deshalb nicht zum schlechten Menschen. Fazit: Hafenmeister sind nicht selten Seeleute an Land. Sie kennen die Welt der Schiffe und auch die kleinen und großen Nöte von Skipper und Crew. Das macht sie automatisch zu Nothelfern mit Pflaster, Auskunftspersonen mit Ortskenntnis und immer einmal wieder auch zu seelischen und verbalen Müllabladeplätzen für mehr oder weniger wohlwollende Hafenbesucher. Und wenn der eine oder andere einmal brummig wirkt, dann sollten wir trotzdem nie vergessen: Hafenmeister sind auch nur Menschen!