Wasser-Hauptstadt Berlin: Vereint und doch geteilt? (20 Jahre Mauerfall)

Wasser-Hauptstadt Berlin: Vereint und doch geteilt? (20 Jahre Mauerfall)

Montag, 07. September 2009
von Matt - Muencheberg
Ehemalige Wasser-Grenze in Berlin: Die Oberbaumbrücke trennte Ost- von Westberlin, Foto: (c) nass-press.
Die Segel-Bundeshauptstadt besteht auf dem Papier aus sechs Wettfahrt-Bezirken. Je drei befinden sich im ehemaligen Ost- und im Westteil. Ist die Metropole auch heute noch, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, zweigeteilt? Fakt ist, dass die jüngste Geschichte tiefen Furchen in die heutige Bundeshauptstadt geschlagen hat: Die 1961 vom Honecker-Regime errichtete Berliner Mauer (Niemand hat die Absicht…) wurde zwar nach 28 Jahren – friedlich – seit dem 9.November 1989 wieder demontiert. Das ist jetzt 20 Jahre her. Doch ganz abgerissen ist das ehedem knapp 168 Kilometer lange Symbol des Ost-Westkonflikts – zumindest auf dem Wasser -, so scheint es, noch längst nicht. Viele Segler zwischen Unterhavel und Oberspree blieben zunächst ihrem Stammrevier, sprich: entweder dem Müggelsee, der Dahme und den Zeuthener Gewässern im Osten, oder eben der Unterhavel mit dem Wannsee und Tegel im westlichen Teil Berlins treu – und mieden die jeweils anderen Segelbezirke des Berliner Segler-Verbandes (BSV) wie der Teufel das Weihwasser. Es sei noch nicht zusammengewachsen, was zusammengehört, sagt Tempest-Segler Rolf Bähr. Der Chef des Deutschen Segler-Verbandes (DSV) war 27 Jahre lang Bezirkschef des Reviers Wannsee im BSV, bis er 2005 den Vorsitz des DSV übernahm. Bähr vermutet hinter dem Verhalten der Berliner Segler jedoch eher Bequemlichkeit als Absicht. Drängt sich die Frage auf, ob sich Wassersportlers Heimat auf einen Fluss, einen See oder ein Revier beschränkt? Oder doch auf eine ganze Stadt? Der 1939 in Berlin-Karlshorst geborene Bähr wollte sich mit der Situation jedoch nicht zufrieden geben. Und sann auf eine Möglichkeit, diesem Missstand abzuhelfen. Doch was tun? Als der mehrfache Welt-, Vizewelt- und Europameister in der Tempestklasse schließlich in den Gewölben der Silver Vaults in der Londoner Chancery Lane herumstöberte, kam ihm eine zündende Idee: Es hat mich immer geärgert, dass die jeweils anderen nicht zu den Langstreckenregatten gekommen sind, mal sehen, was passiert, wenn man einen Pokal stiftet. Gesagt, getan. Segler Bähr, der 1980 selbst Opfer des Klassen-Kampfes wurde, als er sich zusammen mit Willy Kuhweide zwar für die Segel-Olympiade in Moskau qualifiziert hatte, aufgrund des Boykotts jedoch nicht teilnahm, kaufte einen schönen Pokal aus schwerem Silber (Bähr: einer mit zwei Henkeln, damit man daraus auch gut den Sieger-Schampus trinken kann) und stiftete ihn als neuen Wannsee-Müggelsee-Pokal. Die Idee dahinter war so simpel wie überzeugend: Dem jeweils besten Segler aus beiden Berliner Langstreckenregatten sollte der Preis gegeben werden. Tatsächlich trug die Kanne kurzfristig auch zu erhöhten Meldezahlen bei, bis – ja bis der Silberpott, ein Wanderpreis, nach zwei Jahren spurlos verschwand. Seitdem ist er nicht wieder aufgetaucht. Die Teilnehmerzahlen von Seglern aus dem jeweils anderen Revier stagnierten. Was für die Teilnehmer der beiden Langstreckenregatten von Berlin nach wie vor problematisch zu sein scheint, ist für die Besitzer klassischer Yachten aus dem Berliner- und dem brandenburgischen Raum längst kein Thema mehr. Im Gegenteil. Havel Klassik-Organisator Claus Reichardt will in diesem Jahr, dem zwölften seit Einführung des Oldtimer-Treffens auf dem westlichen Berliner Nass, die Hunderter-Marke bei den teilnehmenden Booten und Yachten knacken. Mit dabei sein werden, wie in jedem der vergangenen Jahre auch, viele Segler mit ihren klarlackierten Mahagoni-Schönheiten aus dem Ostberliner, dem Potsdamer und dem Brandenburger Raum. Im Vordergrund standen bei uns von Anfang an Integration und Zusammenarbeit zwischen den Seglern aus Ost- und Westberlin, sagt Reichardt, der sich außerdem grenzübergreifend auch um den Erhalt der Miniaturfregatte Royal Louise sowie dem Botschafter Berlins auf den Meeren dieser Welt, der Walross, widmet. Bei den Klassikern seien noch nie Animositäten irgendwelcher Art zu beobachten gewesen, die Segler aus der ehemaligen DDR und Ost-Berlin seien sofort nach der Maueröffnung in die neuen Reviere im Westteil Berlins aufgebrochen, natürlich auch, um zu zeigen, was sie da an schwimmenden Kostbarkeiten über die Jahre gehegt und gepflegt hatten, erinnert sich Reichardt. Das sei eine - für Klassikerfreunde – durchaus interessante Seite der Trennung gewesen, meint das ASV-Mitglied, denn Armut sei der beste Denkmalpfleger. Legendär sind mittlerweile die vom ASV organisierten Schlepps von einem Teil Berlins in den anderen mit der Aurora durch die Mühlendammschleuse – wie vor dem Mauerbau anlässlich der Frühjahrs- und der Herbstwettfahrten selbstverständlich. Die Regatten gebe es zwar immer noch, aber längst nicht mehr unter so großer Anteilnahme wie früher, zumindest im Bereich der olympischen Bootsklassen, bedauert Jörg Glöde, seit 1995 Revierobmann des Bezirkes Müggel und von Anfang an bei dem (Wieder-) Vereinigungsprozess Berliner Segler mit dabei. Spannend sei das gewesen, erinnert sich der heute 72jährige Segler, der einen gepflegten Holz-Fünfzehner mit dem Kennzeichen P 1370 sein Eigen nennt, an das erste große Ansegeln nach dem Mauerfall beim Segler-Verein am Stößensee (SVSt), der die Tage 100jähriges Bestehen feiert und für ganz Berlin das Ansegeln eröffnete. Da seien so viele Boote – Jollen und Yachten aus allen Teilen Berlins, insbesondere auch aus den ehemaligen Ostbezirken – gekommen, dass man ohne Mühe trockenen Fußes vom Pichelsberg nach Pichelswerder den Stößensee hätte überqueren können, das sei die erste große Begegnung von West und Ost nach dem Mauerfall gewesen. Glöde selbst sei mit seinem Jolly, von der Dahme kommend, den Teltowkanal entlanggeschippert, da habe es noch die letzten Grenzkontrollen auf dem Wasser gegeben, erinnert sich das Mitglied der Seglergemeinschaft am Müggelsee (SGaM), mit grobsohligen Lederstiefeln der Grenzbeamten auf dem lackierten Deck des Fünfzehners und gründlicher Passkontrolle. Als Organisator des östlichen Pendants der Havel-Klassik, des immer Anfang September auf dem größten See Berlins laufenden Classic-Cup, hat Gloede jedoch eine andere Wahrnehmung, was die Teilnehmerzahlen von Seglern vom Wannsee, der Unterhavel und aus Tegel betrifft, als sein Kollege Reichardt von der Unterhavel: Von den im Schnitt dreißig teilnehmenden West-Booten kommen zumeist nur zwei bis fünf aus dem ehemals anderen Teil Berlins in den Südosten, die anfängliche Neugier vieler Westsegler sei im Laufe der Zeit befriedigt worden, nachdem Müggel, Dahme und Zeuthener See bis hin zum brandenburgischen Scharmützelsee erkundet worden seien, bliebe man wohl wieder verstärkt in seinem Stammrevier, beklagt Gloede. Was die Segler aus den ehemaligen Ostbezirken Berlins angehe, so schauen sich diese außerdem noch immer auf eigenem Kiel die Welt an, schätzt der Friedrichshagener, und: selbst wer sommers in der City bleibe, scheue oft den Törn durch Berlins Mitte, die Spree entlang. Grund sei neben dem Zeitfaktor der dichte Verkehr an Ausflugsschiffen, die – zumal mit weit übers Heck hinausragendem gelegten Mast – ein konzentriertes Steuern nötig machten. Das sei vielen einfach zu viel, sagt Gloede. Dabei sei ein Törn den Teltowkanal entlang ungleich entspannender, wesentlich kürzer – hier ist nur eine Schleuse bei Kleinmachnow zu überwinden -, wenngleich auch architektonisch uninteressanter. Doch das betreffe nur die größeren – Kiel- Yachten, meint Jörg Gloede, der in 400 Sitzungen die im letzten Jahr erstmals in Rahnsdorf ausgetragene Jüngsten- und Jugendmeisterschaft – quasi im Alleingang - auf dem Müggelsee organisiert hat: Da waren Segler aus allen Teilen Berlins gleich stark vertreten; für die jüngeren Segler sei es völlig egal, wo in Berlin sie segeln würden, die trailern ihre Boote ganz fix zum nächsten See. Gloede erinnert sich auch daran, wie das damals organisatorisch lief mit der Zusammenführung des West- mit dem Verband der Segler aus dem Osten: Gleich nach dem Fall der Mauer besuchte eine Abordnung des Bezirks-Fachausschusses Segeln des Bundes Deutscher Segler den Vorstand des BSV, jeder sollte wissen, mit wem er es zu tun hat. Nach einem kurzen Zwischenspiel Berliner Segler-Bund sei das Ost-Konstrukt schließlich aufgelöst worden und die ehemaligen Ost-Vereine im BSV Mitglied geworden, getreu dem Motto des Berliner Segler-Verbandes, ein Verband der Vereine sein zu wollen. Das sei zur Überraschung aller sehr schnell über die Bühne gegangen, Berlin hat bei der Wiedervereinigung auf dem Wasser in Deutschland eine Vorreiterrolle gespielt, erklärt Jörg Gloede heute stolz. Für die Regattasegler sei das Ost-/ West-Thema dagegen nie wirklich interessant gewesen, erinnert sich Winfried Wolf. Der Vorsitzende des Berliner Segler-Verbandes, der auch Chef der TSG ist, registrierte zwar anfänglich einigen Unwillen bei den West-Aktiven, als im Jahr 2000 das LLZ - Landesleistungszentrum Segeln beim Yacht-Club Berlin Grünau in Friedrichshagen im ehemaligen Ostteil der Stadt eröffnet wurde. Für viele Segler vom Wannsee, der Unterhavel und aus Tegel wurden quasi über Nacht die zu absolvierenden Wege um einige Land-Kilometer per Pkw und Trailer länger. Aber das ist längst Geschichte. Genau so wie in wenigen Jahren vergessen sein wird, dass es auch auf dem Berliner Wasser einst eine Grenze gegeben hat, die geteilt hatte, was nicht zu teilen war. Es ist zusammengewachsen, was zusammen gehört, ist sich Winfried Wolf heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, sicher. Denn der Sport – und da bilde der Wassersport keine Ausnahme – sei im Grunde verbindend und im Wortsinne grenzüberschreitend. Dem ist nichts hinzuzufügen, meint Ihr Matt.Müncheberg, info@muencheberg-media.com.