Kräftig drauftreten ...

Kräftig drauftreten ...

Sonntag, 17. Juni 2007
von Rena M. Schmidt
Kamera runtergefallen? Schnell hin balancieren und kräftig drauftreten Foto: May
Von der Obsession gepackt, das Reiseequipment für die neue Saison mal wieder zu modernisieren, ließ ich mich von meiner Freundin neulich in einen Media-Markt entführen. Wasserdichte Kameras waren diesmal das Ziel unserer Begierden. Der Berater in der Abteilung war süß, sehr charmant, leider dumm. Er merkte nicht einmal, wie lächerlich seine Vertretung der Interessen einer Lobby wirkte, die immer größer, höher, besser, härter sein will, ohne dass es dafür eine Notwendigkeit gibt. Als er die preiswerteste der wasserdichten Kameras (ich werde keine Namen nennen) vorzeigte, lobte ich den kompakten Bau und die intuitiv begreifbare Menüführung. Und das zu einem Preis von unter 200 Euro. Absolut wasserdicht. ?Aber da gibt?s schon bessere?, sagte der Süße, leider Dumme, und zupfte mich an der Bluse einige Meter weiter. ?Hier, so stabil, dass sie aus einer Höhe von fünf Metern herabfallen kann und nicht kaputt geht. Garantiert.? Ich dachte an die Klippen vor Faro, wo mir eine Kamera einmal zerschlug, als sie die Klippen herabstürzte, und fand die Idee einer gewissen Stoßsicherheit nicht unklug. Als ich mein Interesse bekundete, steigerte sich der Verkäufer in sein Begeisterung: ?Besser ist noch, Sie nehmen gleich diese hier, das soeben neu eingetroffene Nachfolgemodell. 100 Prozent Wasserdicht bis 25 Meter. Und wenn es 15 Meter tief fällt, können Sie noch drauftreten, und es geht nicht kaputt. Garantiert. Und das für nur 100 Euro mehr.? Ich schaute ihn fassungslos an. ?Drauftreten? Wozu soll das denn gut sein?? Der Süße zuckte die Achseln. ?Kann doch mal passieren.? ?Ja, sicher, vor allem nach Stürzen aus 15 Meter Höhe und vor 25 Meter tiefen Tauchgängen.? Genervt entschied ich mich: zu gehen. Beim Packen fiel mir dann meine uralte Nikon FE2 in die Hände und wie eine alte Liebe, so wäge ich nun das Schätzchen in meiner Hand, schaue hier, schaue dort, lasse die so schön weich schnappende Spiegelreflex-Kamera mit dem Metallschlitzverschluss mit und ohne Objektiv arbeiten. Herrlich, wie wunderbar die 35 Jahre alte Feinmechanik funktioniert. Wunderbar. Ich nehme nach und nach die Objektive in die Hand, vom 16 Millimeter Fischauge bis zum 500 Millimeter Supertele, immerhin mit der Lichtstärke 8,5, damals ein Wunderwerk der Technik. Leider wiegt die gesamte Ausrüstung mit den Objektiven, dem Stativ, der Tasche nahezu 22 Kilogramm. Auf der Segelyacht gibt es wenige Stunden später große Freude: Wir sind sechs Weiber, die sich teilweise Jahrelang nicht gesehen haben, und wir segeln von Gibraltar nach Madeira auf einer funkelnagelneuen Yacht aus der italienischen Comar-Werft. Wie immer bin ich die Fotografin und die Freundinnen beginnen auch gleich mit den Hänseleien: ?Na, Süße, haste dein Riesenrohr auch nicht vergessen?? (Ja, peinlich, es sind wirklich nicht nur die Männer, die solche Anzüglichkeiten zum Besten geben, wenn sie unter sich sind.) Ich greife in die Tasche meiner Cordjeans und hole sie raus, die neue, die kleine, die Beste ihrer Art, 100 prozent Wasserdicht. Keine 250 Gramm leicht. Mit einem gigantischen Gigabit Speicherchip für 850 Fotos bei 5 Megapixel pro Schuss. Ein bißschen fühle ich mich wie eine Verräterin an meiner Nikon ? die ist zuhause im Schrank geblieben. Rena M. Schmidt