Montag, 20. August 2007
von Rena M. Schmidt

Winfield Burmeister beim Interview mit N24 und SAT.1 im Kapitäns-Klub am Berliner Stadtrand. Foto: Kapitäns-Klub

Winfield Burmeister ist vielleicht nicht der beste Skipper westlich von Skagen. Das kann sein. Jedenfalls wird er von Gegnern in Internet-Attacken zur Zeit regelrecht lächerlich gemacht. Bei mancher Segelreise soll er ? wie ich hörte ? seinen voluminösen Bauch bedeutungsschwanger über die nautischen Karten geschwenkt und mit seinen Fingern in etwa die Kurse bezeichnet haben, die man nehme. Wenn dann der Wind drehte, landete man mitunter ganz woanders. Immerhin ist Winfield Burmeister ein richtiger Seemann. Das sieht man, das hört man, das wird man schätzen, wenn man mit ihm in See sticht.
Seit einigen Wochen ist Winfield Burmeister groß herausgekommen: Er sollte als Schiffsführer eines Schilfbootes die recht unerfahrene Crew der ABORA III des Experimentalarchäologen Dominique Görlitz aus Chemnitz von New York über den Atlantik ? zunächst bis zu den Azoren ? fahren, danach weiter nach Spanien und ins Mittelmeer. Weil man Winfield Burmeister nun womöglich eine ganze Menge, nicht aber, dass er sich überschätzt, nachsagen kann, prüfte er das Schiff, die Mannschaft, ihren Expeditionsleiter sehr gründlich. (Letzterer ist übrigens weder Nautiker noch Skipper, sondern Biologielehrer von Beruf.) Außerdem prüfte Burmeister auch sich selbst umfassend, bevor er aufenterte bzw. schon nach wenigen Monaten wieder abheuerte, und das kurz vor der Abfahrt der ABORA III aus New York am 11. Juli dieses Jahres.
Man muss ihm zugute halten, dass er nach diesen Prüfungen nicht mit Kritik sparte, die er sachlich ordentlich fundierte: Transportschaden des Fahrzeuges auf dem Weg vom Titicacasee an den Hudson, das Schilf, der Verrottungs-Zustand des bei Wasserung immerhin schon drei Jahre alten Materials, die Aufbauten und vor allem die Konstruktion des Ruders und die Logistik (Beladung und Unterbringung der Mannschaft) sowie der Ausbildungszustand der Seeleute wurden von ihm kritisiert. Hört man ihm zu, hört man auch den Freunden des an Kritik überhaupt nicht interessierten Expeditionschefs Görlitz zu, so sind die Mitsegler aus irgendwelchen persönlichen Notsituationen regelrecht ?wegshanghait? worden, fast so wie die Seeleute, die für Christoph Columbus und andere Kapitäne der Neuzeit in Lohn und Brot gezwungen worden sind, nachdem sie im Vollrausch einmal ihre Unterschrift unter ein Papier gesetzt hatten, dessen Inhalt sie ? weil Analphabeten ? zuvor nicht einmal gelesen hatten.
Bei einem viel beachteten Vortrag im Kapitäns-Klub am Berliner Stadtrand haben Winfield Burmeister, aber auch der ebenfalls abgeheuerte Arzt sowie langjährige Wegbegleiter des Expeditionsleiters des Schilfbootes viel Kritik an der Expedition und der offensichtlichen Verantwortungslosigkeit des archäologischen Autodidakten Görlitz sowohl als Wissenschaftler wie auch als Seemann geübt. Der ist ungeachtet vieler Mahnungen ohne erfahrenen Schiffsführer zur Zeit auf dem Nordatlantik, wo er versucht, mit seiner eher treibenden als segelnden ?Grasinsel?, die von manchen gar als ?rottender Komposthaufen? geschmäht wird, in den Golfstrom hinein zu ?navigieren?, um irgendwie zu versuchen, dann, dem Strom folgend, die Azoren zu treffen.
Einen Hazard-Ritt nennen das erfahrene Seeleute.
Wir alle wollen nicht hoffen, dass es nach Abschluss der Expedition zu einer internationalen Seegerichtsverhandlung kommt. Das wäre allerdings unzweifelhaft der Fall, wenn einer der Mitreisenden des Schilfbootes gesundheitlich zu Schaden kommt. Denn das Mittelalter, in dem ein Kapitän seine Crew völlig willkürlich den Haien zum Fraß vorwerfen konnte, ist bei allen Besonderheiten des Internationalen Seerechts vorbei. Heute muss sich auch ein sehr charismatischer, oder sagen wir autoritärer Kapitän einer Vielzahl von Gesetzen und Regeln beugen.
Dominique Görlitz, Expeditionsleiter der ?ABORA III?, und sein Schilfboot sind insofern zwar außerhalb der Hoheitsgewässer irgendeines der angesteuerten Länder, fahren aber nicht in einem rechtsfreien Raum. Seine Mitsegler, über die wir nur durch eine norwegische Internet-Seite gelegentlich etwas Authentisches hören, dürfen also zumindest die Zuversicht hegen, dass alle eventuellen Gesetzesverletzungen später einmal aufgedeckt und geahndet werden: Die Verantwortung dafür wird dann dem neben dem selbsternannten Kapitän zumindest moralisch auch dessen Protagonisten zugewiesen, die mit dem Experiment beweisen wollen, dass man schon vor Jahrtausenden, also lange vor Christoph Columbus und der christlichen Seefahrt, auf Schilfbooten den Atlantik in beide Richtungen überquert und so Handel getrieben haben könnte. Wem das heute etwas nutzt? Das ist sicher eine ganz andere Diskussion.
Wer darüber oder über den Stand der Dinge mehr wissen will, dem wünsche ich bei der Lektüre ungezählter Internet-Seiten (einige habe ich unten aufgeführt) zu diesem Thema ebenso viele Inspirationen wie den Kameraden auf See Sicherheit und seemannschaftliches Können ihrer Führung.
Herzlichst grüßt und mahnt mit diesen Worten
ihre
Rena M. Schmidt
Mehr im Internet unter:
http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/10995103/62129/

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http://pub.tv2.no/nettavisen/friluftsliv/granheim/
http://de.news.yahoo.com/afp/20070723/tsc-d-schifffahrt-geschichte-5fcb2b9_1.html
http://szon.de/news/lifestyle/wissen/200707100873.html?SZONSID=afdc2527944eac54822938c959d59fcf

Quo vadis, ABORA III

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