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Kinder an die Wurst
 
Montag, 16. April 2007

Kinder an die Wurst

von Rena M. Schmidt

Gisela-Christine - ohne Wurst - am Alten Strom in Warnemünde
Die Woche steht in der ARD ja unter dem Thema ?Kinder sind Zukunft?, also wollen auch wir einmal nicht auf die Staatschefs schauen, denen ungefragt überall der rote Teppich ausgerollt wird. Nun ist diese Standard-Gangway für die Schickeria eine Plattform, von der aus man die Welt wohl denkbar schlecht beurteilen kann. Irgendwie hat man auf so einem roten Teppich ? selbst wenn er nicht fliegt ? nie die rechte Bodenhaftung. Ich denke manchmal, die armen Staatschefs würden, wie die Kinder, oft lieber über Sisal laufen oder barfüßig auf einem Flokati kuscheln, vielleicht auch über einen naturbelassenen Rasen Marke Berliner Tiergarten. Die Zahl der einfachen Berliner Currywürste, die von Staatschefs aller Welt allein in der Spreemetropole verdrückt werden, spricht jedenfalls dafür. Aber nein, immer ist es dieser gemeine rote Filz, der ihnen ausgerollt wird. Also müssen sie wohl, ob ihnen das recht ist oder nicht, immer etwas abgehoben daherkommen ...
... mit Gisela-Christine ist das ganz anders. Die Göre, Tochter meines besten Freundes, ist bald drei Jahre jung, hat zwei große Brüder im Alter von fünf und sieben, die ihr in der harten Schule des Lebens den roten Teppich unter den Füßen eher wegziehen als ausrollen würden und ihr auch sonst nichts ersparen. Somit steht sie mit ihren noch babyspeckigen Beinchen fester auf dem Steinboden der Tatsachen als mancher Staatschef, wage ich zu behaupten. In Warnemünde wurde mir das dieser Tage klar, als Gisela-Christine Hunger bekam. Ein Würstchen sollte es sein. Ein einfaches Wiener Würstchen, behelfsweise auch eine ordentliche Bockwurst. Fisch und Delikatessen hin und her, nein, Gisela-Christine wollte ein Würstchen, das machte sie ihrem Papa, der ihr gern einen gesunden Obstsalat oder eine saftige Scholle spendiert hätte, nach mancherlei Hin und Her recht zickig klar. Und wenn sich so eine Zicke erst einmal eine Idee in den Kopf gesetzt hat, wird kein noch so genialer Einfall sie davon abbringen können. Das musste auch die Kellnerin im piekfeinen ?Atlantic? am Alten Strom akzeptieren, nachdem Gisela-Christine zu allen noch so elaborierten Speiseideen stoisch ihr Köpfchen geschüttelt hat. Papa und Gisela-Christine wählten also: Ein anderes Lokal.
Doch das verbesserte die Situation nicht: Ob Klön-Kneipe oder River-Hotel, Mama Mia oder Dänisches Eisparadies, Eiscafé Venezia oder Das Boot, nirgends wollte man der Süßen ihren Wunsch erfüllen. Büchse aufreißen, Würstchen herausholen, erhitzen, servieren. Viel zu einfach die Idee. Gisela-Christine, ein Mädchen von festem Willen und gesundem Selbstbewusstsein, bestand auf ihren Gelüsten, die ihr, den Kellnern ein Graus, das Filet in Darm als den höchsten denkbaren kulinarischen Genuss scheinen ließen.
Nun wurde die Promenade am Alten Strom in Warnemünde u. a. aus allerlei Geldtöpfen der Europäischen Union für einige Hundert Million Euro so piekfein saniert, dass Touristen, die rote Teppiche sonst kaum kennen, voll Ehrfurcht alles gut finden, was ihnen dort vorgegaukelt oder angeboten wird. Irgendwie muss den Gastronomen entlang des Touristenstroms dabei wohl die Bodenhaftung abhanden gekommen sein. Nachdem wir für Gisela-Christine jedenfalls landauf landab nirgends eine Wiener erhielten und die junge Dame ganz nach Art einer Diva bereits launisch zu werden begann, kam Papa auf eine dieser genialen Ideen, für die Papas ganz im allgemeinen überall in der Welt zu Helden ihrer Kinder werden. Ein naher Supermarkt lieferte den Rohstoff, der Automotor die Energie: Die Wurstbüchse auf den Zylinderdeckel gestellt, bog sich bald vor Hitze und drinnen köchelte die feine Gourmandise, die das Kinderherz höher schlagen ließ. Der Tag, der Ausflug und die Laune von Gisela-Christine waren ? dank Zuhilfenahme des Automotors als Ersatz für den Spiritus-Feldkocher ? gerettet.
Ich denke, Gastronomen auch in sehr Neufeinen Gegenden sollten daraus lernen: Ein bisschen weniger elitär zu sein und die Welt mehr mit Kinderaugen zu sehen, das wäre so eine Lehre. Gisela-Christine jedenfalls wird sich dem Diktat von ?Edel-Italienern? (ich habe nie gewusst, wie ein solcher Typus Mensch eigentlich aussehen und sein könnte), Hotel-Snobs und ?Blasiert-Germanen? in Kellner-Uniform auch in Zukunft nicht unterwerfen. Und da Kinder wie Gisela-Christine unsere Zukunft sind, wie wir nicht nur als ARD-Zuschauer lernen, sollte man bald selbst am Alten Strom in Warnemünde zumindest auf Nachfrage bald ein ordentliches Würstchen genießen können. Text: Rena M. Schmidt, rms

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