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Frust ohne Lust
 
Montag, 19. März 2007

Frust ohne Lust

von Robert Fischer

Mal eben zur Boat-Show fliegen? Die Schnäppchen-Acquise für die kleine Reise zwischendurch ist keine leichte Übung.
Verreisen ist eine Lust. Die Buchung hingegen oft der pure Frust. Zumindest für den, der auf günstige Konditionen achten muss, weil er nicht auf den steten Nachfluss alten Geldes auf seine Goldkarte zählen kann. Oder für den, der nicht alles von irgendwelchen Spesendepots abrufen kann ? von Firmen, für die er angeblich oder tatsächlich unterwegs ist.
Nun sind es aber oft genau diese beruflich sehr viel Reisenden, die uns sagen wollen, wie wir es mit den Buchungen machen müssen. Wenn wir diesen Profis folgen, ist die Enttäuschung mithin programmiert. Ein Beispiel:
Halbprivat wollte ich dieser Tage mal eben nach Venedig fliegen. Dortige Charterneuigkeiten checken, um den Lesern dieser Kolumne anlässlich der zur Zeit laufenden Boatshow Tipps für günstige Flüge und Charter-Möglichkeiten zu geben. Ein Klacks, sagte mir ein Freund, der als Reporter in solchen Fällen seine Sekretärin mit den Formalitäten beauftragt. Sicher richtig. Ein Klacks für jeden, dessen Ausgaben von Papa oder dem Chef getragen werden. Ein Klacks auch für den, dem 1000 Euro nichts und die Boat-Show aber alles und neben dem Spaß vor allem viel Gewinn bedeutet. Unmöglich jedoch für einen einfachen Mann wie mich, der sein Geld zwar durchaus in werthaltige Investitionen steckt, nicht aber in überflüssige Belastungen. Nun sind meine ?Last-Minute-Erfahrungen? recht schwach ausgeprägt, heißt: Mit diesen Formen der Schnäppchen habe ich wenig Erfahrung. Vielleicht desillusionierte mich deswegen die Erfahrungen, die ich bei der Suche nach dem richtigen Ticket machen musste.
1. die Internet-Suche: Von den angeblich vorhandenen und von allen Gesellschaften so gern beworbenen 19,99-, 29,99-, 39,99-Euro-Tickets gibt es für mich kein einziges mehr. ?Muss man Monate vorher wissen, wann man sparsam verreisen will?, sagt mir eine wohlmeinende Kauffrau auf Anruf im Reisebüro altklug über den Brillenrand, die immerhin ein Angebot findet: 269,99 Euro. ?Das nächstteurere kostet schon 469,90?, sagt sie und zieht die Stirn in Falten. Zu viel für mich, zu viel für ein Wochenende in Italien.
2. die direkte Schnäppchen-Acquise am Flughafen prüfte ich als Alternative. In diesem Fall in Berlin-Tegel. Klasse, dort hängen sie, die Schnäppchen-Angebote. 24,99 Tegel Venedig. Die Süße hinterm Counter wird allerdings sofort sauer, als ich sie auf dieses Angebot anspreche. ?Von welchem Stern kommen Sie denn?? Ihre Frage zieht mich so runter, dass ich meine guten Manieren vergesse und darauf bestehe, sie möge mir einen Termin heraussuchen, zu dem ich für diese Konditionen einen Sitzplatz im Flieger nach Venedig erhalte. Sonst wäre das, sage ich mit möglichst wichtiger Miene, sicher unlauter, mit so einem Plakat zu werben. Es dauert. Es dauert. Sie findet den Platz. ?Es ist der letzte freie?, der in diesem ?Angebotspegel? zu finden sei, wie sie verheißungsvoll sagt: vom 18. bis zum 29 April. Am 18. hin, morgens um 6.40 Uhr, am 29. retour, nachmittags. Nur diese Zeiten, nur diese Tage. Ich frage sie, welches Schaf, wohl für Venedig genau diese 12 Tage des Monats einer Fluggesellschaft opfern will, die damit nichts als eine billige Werbung beabsichtigt. Ihre Antwort: Ein Blick für mich, der voll Mitleid ist.
Immerhin. Sie empfindet mit mir. Sie empfindet meinen Schmerz, das Zehnfache der Schnäppchenwerbung hinblättern zu müssen. Mindestens. Sie empfindet meine Enttäuschung, dass die sensationellen Reise-Konditionen auf den Messen zwar propagiert, an den Flughäfen zwar selbst Dorfmuffel in die Welt hinauslocken wollen, im Leben allerdings immer nur von den anderen abgegrast werden. So ist das, im Leben wie im Reisebüro.
Ich entschließe mich zur Buchung: einer Bahnkarte. Nach Warnemünde. Dort ist es auch schön. Die Dänische Südsee ist nur einen Tagesschlag entfernt ? und den mache ich mit meiner Freundin auf einem unkompliziert gecharterten 30-Fuß-Segler. Es muss ja nicht immer die Ferne sein, an der uns das Fremde reizt, oder?
Schöne Reisezeit ? gerade nach der ITB ? wünscht Ihnen also
Ihr
Robert Fischer
P.S.: Das Knöllchen an der Scheibe meines Autos vor dem Flughafen reißt mich nach dieser missglückten Jagd nach dem Billigticket brutal ins Hier und Jetzt zurück. 15 Euro. Für eine Stunde am falschen Platz, mit falschen Gesprächspartnern auf der Suche nach non-existenten Chancen.

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