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Vom Speed-Wahnsinn zur großen Ruhe
 
Sonntag, 12. November 2006

Vom Speed-Wahnsinn zur großen Ruhe

von Klaus Bartels

Vom Speed-Wahnsinn zur großen Ruhe

Den Kopf bei Speed-Fahrt aus dem Windschutz der Frontscheibe zu heben, bedeutet den Verlust der Sonnenbrille. Die trotz Haarfestiger der Kategorie "extra stark" gestylte Frisur ist bereits bei der erheblich langsameren Marschfahrt hin.
Das sind bleibenden Eindrücke von einer Fahrt mit einem übermotorisierten Sportboot, wie der 11,60 Meter langen Sunseeker XS Sport. Die Motorbootbauer von der britischen Insel, die pro Jahr 260 exklusive Yachten zwischen 11 und weit über 30 Meter Länge produzieren, haben mit ihrer langen XS Sport quasi dort weitergemacht, wo amerikanische Alkoholschmuggler am Ende der Prohibition aufgehört hatten. Für die Schmugglern zählte nur Schnelligkeit, um mit ihren legendären Booten vom Typ Bootlegger jedes Zollboot abhängen zu können. Ganz nebenbei gewannen die extremen Speedboote Mitte der 20er Jahre auch noch etliche Pokale der Rennbootszene.
Mit der XS Sport geht es Sunseeker allerdings weder um Pokale noch um Schmuggelfahrten - obwohl die durchaus möglich wären -, sondern einfach nur um den Fahrspaß und der soll besonders groß, wenn die Hebel der beiden 354 PS-Yanmar-Dieselmaschinen "auf dem Tisch liegen". Bei Vollgas mit rund 3100 Umdrehungen der Motoren rast das Boot mit über 60 Knoten, das sind mehr als 110 Stundenkilometer, über das Wasser. Wenn dann einer der fünf möglichen Mitfahrer seinen Kopf neugierig über den Windschutz hebt, erlebt er Windstärke zwölf.
Auch schon bei kleiner Welle empfiehlt es sich für Fahrer und Passagiere, die Höchstgeschwindigkeit im Stehen abzuwettern. Bei mehr als 110 km/h fliegt die XS Sport förmlich über die Wellen, und obwohl die Landung auf der Wasseroberfläche erstaunlich sanft verläuft, ist man gut beraten, den Aufprall mit den Knien abzufedern.

Welch ein Wahnsinn.....Da will ich ganz schnell zurück aufs Segelboot. Auf einer Segelyacht ist bereits der Weg das Ziel und Ankommen nach einem ruhigen mehrstündigen Törn in einem Hafen ein freudiges Ereignis. Die Seele hat Zeit zu baumeln, der Stress der zurückliegenden Arbeitstage ist schnell vergessen. Woran kann es liegen, dass an Bord der Alltag ganz schnell achteraus bleibt? Das hat sich vermutlich schon jeder gefragt, der einmal darüber nachdachte.
Es wird wohl die vollkommen unterschiedliche Lebenswelt sein, die ein Segelboot im Vergleich mit dem Leben an Land darstellt. Es geht beispielsweise nicht wie auf einem der rasenden Motorboot um die Überwindung einer Strecke gegen die Natur, denn um den Wasserwiderstand zu bewältigen, werden jede Menge PS mit noch mehr produzierten Abgasen benötigt. Auf einem Segelboot arbeitet die Crew mit der Natur zusammen. Alle Sinne stellen sich auf sie ein. Dazu kommen die Weite des Wassers sowie die Ruhe, und der Blick ins Großsegel, um zu kontrollieren, ob die Trimmfäden noch auswehen, ist eine Entspannungsübung.
Wenn ich nur drei Tage lang segle, habe ich das Gefühl mindestens eine Woche lang unterwegs gewesen zu sein. Das geht übrigens den meisten Seglern so. Ein Segelboot ist also so etwas wie eine Zeitmaschine mit Lebenszeitverlängerungsfaktor. Haben Sie nicht auch schon lange so etwas gesucht?

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