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Pit Bull, Wasserschwein, Venus und Jupiter - von Jürgen Preusser
 
Donnerstag, 04. Februar 2016

Pit Bull, Wasserschwein, Venus und Jupiter - von Jürgen Preusser

von Yachtrevue

Jürgen Preusser
Weckrufe. Wenn die Konzentration nachlässt und der Biorhythmus auf Standby schaltet, bittet die Natur um Ihre Aufmerksamkeit.

Kann schon ganz schön aufregend sein so eine Nachtfahrt im Rahmen einer Langstreckenregatta* irgendwo zwischen Brindisi und Albanien. So wird Rivale und Freund Fu** per Funk angebellt, weil er durch ein Sperrgebiet kreuzt. Prompt hält ein Schiff gewordener Pit Bull Terrier auf ihn zu. Der eigentlich zuständige und vor allem Englisch sprechende Offizier sitzt gerade auf dem Topf, wie sich später herausstellt.
Auch Schicksal: Einmal ist was los rund um das Security-Schiff der riesigen schwimmenden Bohrinsel mitten in der Adria – und er verscheißt’s buchstäblich. Der etwas weniger gebildete Kollege am Funk fordert Fu auf, noch viel schneller das Sperrgebiet zu verlassen. Nicht ganz einfach, denn die Capivari – zu Deutsch: Wasserschwein – ist dem Pit Bull bezüglich Fahrt durchs Wasser hoffnungslos unterlegen.
Nach vollzogenem Wach- und Stoffwechsel fordert der doch deutlich klügere Offizier seinen Kollegen auf, ein wenig mehr nachzudenken, da es sich ja offensichtlich um eine Segelyacht handle, die sich in einer Regatta befinde und sich bei nicht allzu heftigem Wind unter Spinnaker nicht einfach auflösen könne. Fu entschuldigt sich ausnehmend höflich, warnt per Funk noch ein paar andere Regatta-Teilnehmer und entgleitet in die Nacht. Der Skandal im Sperrbezirk bleibt zum Glück ein Sturm im Wasserglas.
Als funkstille Beobachter unter Gennaker und Schmetterling sind wir gewarnt: Die Nacht ist trotz Vollmond diesig, die grünen und roten Positionslichter der beiden Yachten, die bei jetzt doch viel stärkerem Wind immer wieder unseren Kurs kreuzen, ringen uns volle Konzentration ab, der Horizont erinnert mich an ein Erdbeer-Milkshake – liegt wohl daran, dass seit zwölf Stunden keiner etwas gekocht hat.
Dann plötzlich: „Schiff von achtern“, sagt einer. „Lichterführung: Weiß über weiß – seltsam für ein Maschinenfahrzeug, noch seltsamer für einen Segler.“
„Der hält genau auf uns zu, daher kann das zweite weiße Licht nicht das Hecklicht sein“, diagnostiziere ich von geistreichem Scharfsinn beseelt nach einem entschlossenen Blick durch den Steiner. „Womöglich wieder so ein Pit Bull Terrier“, raunt der Rudergänger genervt. Das emsig in Gang gesetzte Schiffserkennungs-App versagt nachhaltig. „Tja, Natur ist eben Natur“, sagt der Informatiker mit gespielter Gelassenheit. „Egal, wir wecken den Skipper, der hat sowieso gleich Wache.“
Schlaftrunken greift der fast siebzigjährige und an Naturerfahrung unübertroffene Seewolf zum Fernglas, murmelt etwas wie „Grünschnabel“ zu einem ebenfalls längst ergrauten Mitsegler. Prompt folgt seine Analyse: „Das ist ein Segler mit leichter Lage, dem das rote Glas des Backbord-Positionslichts im letzten Gewitter davongeflogen ist.“
Voll der Demut vor so viel Lebenserfahrung, widmet sich der Rest der Wache wieder dem Kurs und dem Trimm. Doch der Seewolf scheint von seiner Beobachtung selbst nicht restlos überzeugt, schnappt sich noch einmal den Steiner. Es folgt eine Salve milder Schimpfworte und der Nachsatz: „Wegen dem habt’s mich aufg‘weckt? Das sind Venus und Jupiter!“
Wir geben einander das Ehrenwort, wonach diese Fehlinterpretation das Schiff niemals verlassen dürfe: Ein Geheimnis auf Lebzeiten … Denken wir.
Kaum im Hafen von Biograd angekommen, wendet sich das Blatt. Fu erzählt freizügig vom seltsamen Geisterschiff, das sich schließlich als prominentes Planeten-Duo entpuppte. Und er bleibt nicht der Einzige: Nach und nach geben fünf Crews zu, derselben optischen Täuschung aufgesessen zu sein. Die Dunkelziffer dürfte deutlich darüber liegen.
Die Natur hat trotz aller Flauten und Gewitter etwas für Segler übrig. Denn gerade wenn die Konzentration nachzulassen droht, schickt sie uns kleine Weckrufe: Delfine, sogar zwei kleine Wale, einen Zugvogel, der sich eine Stunde lang von uns kutschieren lässt, einen Tornado in gerade noch sicherer Entfernung, auf einer Yacht sogar den Beginn einer Lovestory.
Oder eben Venus und Jupiter.

* In diesem Fall: „The Race – 1000 Miles“
** Fu = Christian Fuczik der das Rennen zu zweit mit Ute Wagner in einer Bavaria 40s mit Spi in Angriff genommen und sensationell als Vierter beendet hatte.

Diese Kolumne entsteht dank der Zusammenarbeit mit dem österreichischem Magazin Yachtrevue.
www.yachtrevue.at

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