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Zurücklehnen und Mitfiebern (Hochsee-Rennen vom heimischen Rechner aus verfolgen)
 
Freitag, 01. Januar 2010

Zurücklehnen und Mitfiebern (Hochsee-Rennen vom heimischen Rechner aus verfolgen)

von Matt - Muencheberg

Sieht nicht nur schick aus, diese Yacht segelt auch schnell: die HUGO BOSS, eine IMOCA 60, zu Beginn des Barcelona World Race. Foto (C) GMRaget/BWR
Als eines der härtesten Offshore-Segelrennen der Welt am 31. Dezember vor Barcelona startete, schien die Sonne, und es war schwachwindig. Hunderte Zuschauerboote waren dabei, als die acht segelnden Rennflundern des Typs IMOCA 60 die Startlinie passierten – das Barcelona World Race war gestartet. Das World Race ist eine Hochseeregatta für Segelboote mit zweiköpfigen Mannschaften. Die Route führt von Spanien ohne Zwischenstopps und ohne Hilfe von Dritten einmal um die Welt und zurück nach Barcelona. Das entspricht einer Strecke von bummeligen 25.000 Seemeilen. Dabei wird die Welt ostwärts umrundet und nach Passieren von Gibraltar, des Kaps der Guten Hoffnung, des Kaps Leeuwin und des berüchtigten Kap Hoorn backbord gelassen. Drei Monate währt dieses Martyrium, dem sich die Segler freiwillig aussetzen. Es ist gekennzeichnet durch Flauten und Sturm, Hitze und Kälte sowie Enge, Feuchtigkeit und unvorstellbarem Lärm unter Deck. Gekocht wird auf einem kleinen, einflammigen Camping-Gaskocher, frische Nahrungsmittel sind nicht an Bord. Auch eine Toilette sucht man vergebens – stattdessen gibt es für die Notdurft einen einfachen schwarzen Gummi-Eimer. Wie gut ist es da, dass man diese Regatta in den nun folgenden elf Wochen bequem vom heimischen Wohnzimmer aus am PC oder Laptop verfolgen kann – im Hintergrund knistert leise der Kamin und verbreitet wohlige Wärme, Musik begleitet die Recherchen im Internet, und ein gut gekühlter Weißwein steht ebenfalls bereit. So kann man wohl kaum wirklich erahnen, welche Freude das favorisierte Team Alex Thomson und Pepe Ribes empfunden haben muss, als es, nur zwei Tage nach dem Start in Barcelona, bemerkte, dass es den Geschwindigkeitsrekord für die Strecke Barcelona-Gibraltar geknackt hatte. Man wird es schwer haben, nachzufühlen, was in den beiden erfahrenen Seglern vorgegangen sein muss, als sie nur kurz danach mit zwei unidentifizierten schweren Gegenständen kollidiert waren und sich zu allem Überfluss auch noch ein Fischernetz am Kiel einfingen. Die Wut, als sie deshalb kurzzeitig auf den letzten Platz zurückfielen. Die Freude, als sie feststellten, dass der Rumpf unversehrt geblieben war und das Netz beseitigt werden konnte, und sie bald darauf sogar wieder in Führung lagen... Und dennoch: das ist Spannung pur, und wir können – durch entsprechende Liveticker – immer dabei sein. Nutzer müssen lediglich die Seite des Barcelona World Race aufrufen, um tatsächlich (fast) in Echtzeit mitverfolgen zu können, wer aktuell an welcher Stelle segelt, Hintergrund-Infos werden natürlich auch geboten. Das bedeutet, dass die Boote mit Kameras bestückt sein müssen und die Segler regelmäßig Statements abgeben müssen – man muss das als Sportler mögen, zugleich Sportler und Media-Officer zu sein. Alex Thomson aus Gosport hat damit, so scheint es, keine Probleme. Er startete als Skipper auf der bekannten HUGO BOSS. In einem exklusiven Interview äußerte er sich zu der Frage, warum man sich – warum er sich – diese Strapazen überhaupt antut. Der erste Grund sei die Herausforderung. Das Barcelona World Race sei eines der härtesten sportlichen Herausforderungen, die es heutzutage gibt. Es sei ein Test, mental und physisch. Das reize ihn. Zweitens: er sei ein Wettkämpfer, sagt Thomson einen Tag vor Race-Start entspannt. Es gebe keine bessere Wettkampf-Situation als an Bord bei einem Langstrecken-Rennen: dort befändest du dich 24 Stunden am Tag im Wettkampf, sieben Tage die Woche, vier Wochen im Monat, und das Ganze über einen Zeitraum von drei Monaten. Das sei die ideale Sportart für ihn. Zum dritten dürfe er ein Boot steuern, das extra auf seine Bedürfnisse und Wünsche zugeschnitten worden sei. Jedes Mal, wenn er an Bord sei, ziehe sich ein breites Grinsen über sein Gesicht. Am härtesten werde für ihn und Pepe dann wahrscheinlich der Southern Ocean werden, er erwarte dort viel Wind und hohe Wellen... Uns an Land Gebliebenen schauert es da wohlig – von daheim aus mit zu verfolgen, wie sich die tapferen Segler etwa vor dem sturmumtosten Kap Hoorn schlagen werden, wer die psychischen und körperlichen Strapazen am besten meistern wird, und welches Boot ohne Bruch durchkommen wird – das alles bleibt den Fans nun nicht länger verborgen und kann in der Tat auch überaus spannend sein. Und nach der Regatta? Dann können wir zwar nicht behaupten, wirklich dabei gewesen zu sein. Aber ein bisschen so fühlt es sich schon an, oder? Ein Wohl auf die schöne neue Zeit im wohltemperierten Heim.

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