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FAAFAITE - Die Stimme der Ozeane, oder: Segeln wie vor Hunderten von Jahren
 
Dienstag, 30. Dezember 2014

FAAFAITE - Die Stimme der Ozeane, oder: Segeln wie vor Hunderten von Jahren

von Matt - Muencheberg

Kapitän Matahi Tutavahe und Crewmitglied Danee Hazama kämpfen mit der baumlangen Pinne, Foto (c) Muencheberg
Die FAAFAITE aus Papeete auf Tahiti ist eines von insgesamt sieben großen Segelcanoes des sogenannten Tipaerua-Typs. Gebaut wurde der Katamaran vor fünf Jahren in Neuseeland. Als historisches Vorbild für den Bau diente die TE AU O TONGA aus Rarotonga auf den Cook Islands. Zusammen mit ihren sechs Schwester-Canoes wollen die Mitglieder der eigens gegründeten, gemeinnützigen FAAFAITE-Organisation ihrem Volk eine andere Vision von sich selbst und ihrer Umwelt vermitteln. Der Kat ist für sie ein Ort, um zu lernen und um seinen Standort in der Gesellschaft neu zu definieren – seemännisch, sprachlich und kulturell. Vor allem soll das Wissen um die Navigation der Vorväter vermittelt werden. Ganz nebenbei sollen die jungen Trainees in der Gemeinschaft lernen, den Ozean zu respektieren und zu schützen. So weit, so gut. Doch – wie fühlt es sich an auf dieser 22 Meter (73 Fuß) langen, besonderen Ausbildungsyacht? An Bord gibt es zunächst viel Platz – auf Deck. Ein kleines Deckshaus in der Mitte beherbergt die Mini-Navi-Ecke (bestehend aus einem Hand-GPS, das auch nur im Notfall und zum Double-Check des Kurses dient), es ist gleichzeitig Kombüse und notdürftige Schlafgelegenheit für den Skip auf Nachtwache. Vorn an dem Häuschen befindet sich ein WC – für alle. Segel setzen (drei sind es – Fock, Groß und Besan) – dazu müssen alle mit anpacken, denn die Tücher sind schwer – und groß. Überhaupt ist auf diesem Boot Teamarbeit gefragt – zehn Mann oder Frau Mindest-Crew würden benötigt, hören wir, bei Wind sollten es schon 16 sein. Wir verlassen Papeete mit nördlichem Kurs. Nach einigen Sonnenstunden auf dem Meer und moderatem Wind schüttet es plötzlich wie aus Eimern. Dazu gesellen sich in immer geringerem Abstand kräftige Böen. Die Höhe der Wellen nimmt zu, und der Abstand zwischen ihnen wird zusehends kleiner. Obschon die 22 Meter (73 Fuß) über Alles lange FAAFAITE stabil gebaut ist, wird sie zum Spielball der Wellen. Der Steuermann, der die baumgleiche, massive Pinne des Nachbaus eines historischen Segelkatamarans kaum mehr allein bändigen kann, erhält Unterstützung durch ein weiteres Crewmitglied. Danee Hazema, im Hauptberuf Fotograf, legt sich voll ins Zeug. Am Abend trifft Kapitän Matahi Tutavahe zusammen mit seiner Kollegin Fatiarau Salmon auf See eine Entscheidung: Der Ausbildungs-Törn wird abgebrochen, das Boot soll zurückkehren zu seinem Heimathafen in Papeete, von wo aus es bei gutem Wetter am frühen Morgen in Richtung Tetiaroa, eines nordöstlich gelegenen Motus, gestartet war. „Wir haben acht Crewmitglieder an Bord, einige von ihnen sind zum ersten Mal an Bord“, sagt Tutavahe. Eigentlich habe über Nacht eine Einführung in die Astro-Navigation erfolgen sollen; das sei unter diesen Umständen jedoch nicht möglich und müsse später nachgeholt werden. Doch wie wendet man einen so großen, traditionellen Segel-Kat? Etwas abfallen, Geschwindigkeit aufnehmen und dann beherzt das Ruder herumdrücken – soweit die Theorie. Zeitgleich muss jedoch bei der nach heutigen, modernen Maßstäben schwerfälligen Segel-Piroge der Druck aus Fock und Großsegel genommen, und, wenn der Bug durch den Wind gegangen ist, zusätzlich das Besan getrimmt werden. Mit einigen Neulingen an Bord, Wind von bis zu 25 Knoten Geschwindigkeit, Welle und starkem Regen ist das kein leichtes Unterfangen. Zwei Versuche scheitern. Als die Schauer wieder einmal besonders stark einsetzen und der Wind die dicken Regentropfen direkt in die Gesichter der Segler treibt, stimmt die erst 30jährige Kapitänin Fatiarau einen traditionellen tahitianischen Gesang an, in den alle Crewmitglieder der Wache, die sich gerade an Deck befinden, nach und nach einstimmen. Dabei lachen sie – man merkt ihnen an, dass sie das, was sie tun, lieben – selbst bei diesen widrigen Wetter-Bedingungen. Keinen Hund möchte man jetzt vor die Tür treiben. Ein neuer Anlauf – und mit der gemeinsamen Anstrengung Aller gelingt die Wende. Raumschots fliegt die FAAFAITE nun zurück Richtung Papeete an der Nordwestseite der Hauptinsel Tahitis. Nur wenige Stunden später macht der sechseinhalb Meter breite Doppelrümpfer unversehrt im Hafen fest. Es hat sich eingeregnet, Böen fegen über das Hafenwasser und lassen die hier festgemachten Boote auf den Wellen tanzen. „Schade, dass wir nicht wie geplant unseren Astro-Navigationskurs absolvieren konnten“, sagt Kapitän Tutavae. Es sei jedoch für alle, insbesondere für die Neulinge an Bord, eine wichtige Erfahrung gewesen, wie man besondere Situationen auf See erkennt und dann verantwortungsvoll und mit guter Seemannschaft gemeinsam handelt, um sie zu meistern. Insofern sei der Törn für ihn ein Erfolg. Auch die zwei Segel-Novizen, die von Seekrankheit geplagt worden waren, sind wieder wohlauf. Flugs wird, nachdem Segel und Leinen klariert sind, eine Plane über das achterliche Hauptdeck gespannt, und kurze Zeit später wird gekochter Bonefish aus der Lagune mit Reis serviert. Alle sind geschafft, aber glücklich, und greifen gern zu. Gesprochen wird nicht mehr viel an diesem Abend. Das bleibt der Törn-Auswertung mit Matahi und Fatiarau beim Frühstück des nächsten Tages vorbehalten. Ein letzter Check der Leinen und der Fender – und kurze Zeit darauf sind alle in ihren schmalen Stockbett-Kojen in den beiden Rümpfen der FAAFAITE verschwunden. „Die aus glasfaserverstärktem Kunststoff hergestellten und Stehhöhe aufweisenden Schwimmer haben jeweils ihren eigenen Namen“, erklärt Kapitän Matahi am nächsten Tag; der Steuerbord-Rumpf heiße „Tane“ und stehe für Vater Himmel, der backbord angebrachte versinnbildliche Mutter Erde und wurde dementsprechend „Paparaharaha“ genannt. Das macht Sinn, denn FAAFAITE, das bedeute auch Versöhnung – Versöhnung zwischen den Elementen des Himmels und der Erde. Das Boot stelle die Verbindung zwischen den Einwohnern der „Erd“-Inseln dar – es stehe für den allumspannenden Ozean und solle die verschiedenen Völker zueinander bringen und eine gemeinsame kulturelle Identität stiften helfen. So wie die Rümpfe, haben auch alle anderen Teile der FAAFAITE spezielle Namen in Reo maohi, der tahitianischen Sprache. Höchstes Ziel der Ausbildung an Bord des Traditions-Katamarans ist es, diese Ausdrücke – neben dem Segelhandwerk und der Navigation – beherrschen zu lernen. Aus diesem Grund ist der 51jährige Denis Manuireva an Bord. Segeln lernte der von den Gambier-Inseln stammende Mann mit den traditionellen Tattoos auf verschiedenen Yachten, auf denen er in den letzten Jahren Arbeit gefunden hatte. Nun tauschte er diese bezahlten Jobs gegen einen, der nicht vergütet wird – um zu lernen und schließlich ein Ihitai zu werden. So werden an Bord ehrfürchtig diejenigen erfahrenen Segler genannt, welche die Seemannssprache in Reo maohi beherrschen. So gibt es für jeden der auf dem Boot versammelten Segler – egal, ob bereits zur Stamm-Crew gehörend oder nicht – jeweils einen ganz persönlichen Grund, um auf dem neuen, alten Segel-Canoe mitzutun. Die junge Manuia Arakino etwa war dabei, als sich die sieben Segel-Canoes von den Cook Islands, von der neuseeländischen Insel Aotearoa, aus Fiji und Samoa von 2011 bis 2012 bei der gemeinsamen Reise „Te Mana o te Moana“ in Papeete trafen. Auch die FAAFAITE war damals mit dabei, als die stolzen Zweimaster zusammen von Tahiti über die Cooks, Samoa, Fiji, Vanatu, die Salomonen, Neukaledonien und Aotearoa im Norden Neuseelands segelten. Vorher besuchte die FAAFAITE die hawaiianischen Inseln. „Zusammen bilden die Segel-Canoes nach dem Vorbild historischer polynesischer Segler die „Stimme des Ozeans“, sagt Kapitän Matahi Tutave stolz. Diesem Ruf war auch Manuia Arakino gefolgt, hatte bei der Schiffs-NGO angefragt, ob sie bei einem der nächsten Ausbildungs-Törns mit dabei sein dürfe. Sie durfte, und ohne Vorkenntnisse bewährte sich die junge Landvermesserin aus Papeete bei dem Törn hervorragend. Stolz blies sie beim Ablegen ins Muschel-Horn – so ungefähr muss es wohl ausgesehen haben, als die Vorväter von Matahi, Fatiarau, Danee, Denis, Joelle und Manuia ihre Segel-Canoes einst vor hunderten von Jahren vom Strand geschoben und die traditionellen Dreieckstücher gesetzt haben – mit Kurs auf die südpazifische Inselwelt und weit darüber hinaus. Daran müssen wir denken, als wir ein paar Tage später auf der Nachbarinsel Raiatea einen modernen GfK-Kat chartern. Ein wenig besser können wir sie jetzt verstehen, die „Stimme der Ozeane“, beim Segeln, auf See, aber auch an Land. FAAFAITE sei Dank.

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