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Die Schweiz am Meer? (Von einem alten Kran und grenzenlosen Träumen)
 
Samstag, 20. September 2014

Die Schweiz am Meer? (Von einem alten Kran und grenzenlosen Träumen)

von Matt - Muencheberg

Birgt reichlich Diskussionsstoff: der neue, alte Hafenkran am Zürcher Limmatkai. Foto: MM
Der Böögg geht, der Kran steht: „Der Hafenkran hat nichts mit Zürich zu tun? Von wegen! Fast wäre die Schweiz einmal zu Europas Schifffahrtszentrum geworden“. Das schreibt Andreas Teuscher unter dem Titel „Schiff Ahoi“ auf seinem Blog watson.ch. Bemerkenswert. Weiter: Der Hafenkran sei ein alter Hut. Kaum zu glauben, für wie viel Aufregung das Stahlgerüst sorge. Dabei sei ein simpler Kran die harmloseste aller Varianten, wie ein Blick in die Archive zeige. Auch der Stadtprospekt von Jos Murer aus dem Jahre 1576 zeigt an besagter Stelle bereits einen, allerdings aus Holz errichteten Hafenkran in Zürich. Teuscher muss es wissen: in seinem Buch „Schweiz am Meer. Pläne für den Central-Hafen Europas inklusive Alpenüberquerung mit Schiffen im 20. Jahrhundert“ (was für ein Titel!) schildert der 1980 in Zürich geborene Historiker, dass es auch ganz anders hätte kommen können. Pläne, die Schweiz mit einem Netz von Wasserwegen zu überziehen, würden nämlich schon seit Jahrzehnten ausführungsreif in den Schubladen schlummern. Auf dem Transhelvetischen Kanal wären Rheinschiffe in den Genfersee und weiter nach Marseille gefahren, von Basel aus wären Waren via Bodensee und Donau ins Schwarze Meer verschifft worden, Lastkähne wären im Norden wie im Süden an den Fuss der Alpen oder gar über die Pässe geschippert, so Teuscher; „sie hätten nicht nur Güter geladen, sondern auch Träume transportiert; Träume von eidgenössischer Verbrüderung und Europäischer Harmonie“. Man könne ihn mögen, man könne ihn hassen, den betagten und schon leicht angerosteten, grünlichen Rostocker TAKRAF-Hafenkran. Dass der aber nichts mit Zürich zu tun hat, das solle niemand sagen: „es habe nicht viel gefehlt, und Zürich wäre Hafenstadt geworden“. Den Rathauscafé-Besuchern am Fusse des Kranes ist das einerlei: sie geniessen ihr kühles Getränk auf der Terrasse und freuen sich über die Sonne – ob mit oder ohne Kran. Im Juli veranstaltete der Verein Zürich Maritim 2014 beidseits der Limmat und vom Lindenhof bis zum Zwingli- und Grossmünsterplatz ein „kleines, aber feines Hafenfest“ mit Schifferstechen der Zünfte, Wassersportfest und Konzerten. Und mittendrin der rostige, lindgrün-irden in der späten Sonne leuchtende Kran. Ein Witzbold befestigte gar einen alten Sessel am Ende des Seils. Der hängt jetzt genau über der Limmat. Soll heissen: bitte Platz nehmen. Schwindel nicht ausgeschlossen – beim Träumen vom transhelvetischen Kanal und einer „Schweiz am Meer“. Schliesslich werde die Dichotomie „Heimat“ und „Ferne“ von wohl keinem anderen Transportmittel mehr verkörpert wird als von Schiffen – und dazu gehört nun mal ein ordentlicher Hafenkran; die „Verwurzelung mit der Scholle“ könne ohne das Gegenstück der weiten Welt nicht existieren – meint Teuscher. Recht hat er. Denn was eignet sich besser zur Repräsentation der Ferne als die „Freiheit der Meere“? Der Kran indes steht schon. Was folgt?

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