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Ich bin dann mal weg (Über die Verzichtbarkeit von scheinbar Unverzichtbarem – auf Zeit)
 
Montag, 11. August 2014

Ich bin dann mal weg (Über die Verzichtbarkeit von scheinbar Unverzichtbarem – auf Zeit)

von Matt - Muencheberg

Paradies nicht nur für Paddler: der Käxtjärn-See in Südschweden.
Es gibt da einen Werbespot im Fernsehen. Die Botschaft an alle „Meilen-Millionäre“: Ich bin dann mal weg. Verzicht als Motto. Back to the Roots – zu dem Essentiellen in unserem dauergestressten Leben – als Maxime. Wir wagten den Selbsttest – als Recherchezweck, uns selbst wie Fremde beobachtend, aus der Vogelperspektive sozusagen. Unser Ziel: der sehr kleine und überschaubare südschwedischen Käxtjärn-See in der Nähe von Hällefors, in nur 30 Minuten mit einem Kanu zu überqueren, schilfbestanden, klar, fischreich – dafür: menschenleer, auf dem und ringsherum am Wasser. Über den – ungleich größeren – Norr-Älgen-See ist der kleine Käx jedoch verbunden mit weiteren Dutzenden von Gewässern im Norden und auch mit den südlich gelegenen Seen rund um Grythyttan: mit Sör-Älgen, Halvtron, Lundsfjarden, Halvarsnoren, Torrvarpen und Södra Torrvarpen sowie dem Saxen – Musik in unseren Ohren wie von dem leisen Knicksern rotdurchglühter schwedischer Birkenscheite in einem roh zusammengemauerten Kamin. Viele würden sagen: das ist ein Paradies für paddelnde Wassersportler. Andere: ein Angel-Paradies. Himmlisch, ja, so oder so: doch aus einem anderen Grunde (für uns): denn wir werden in einer Hütte am See wohnen, mitten im Wald. Das Haus in Alleinlage, könnte man sagen. Ein schwedisches, rot-weiß gestrichenes Holzhäuschen (das Klischee wird im besten Sinne bedient). Dazu eine kleine Batsu am See zum Heißbaden oder Saunieren, eine Feuerstelle unter Birken und Tannen am Wasser. Mehr braucht kein Mensch. Oder doch? Zu bedenken war: es gibt keinen Strom, kein Internet und auch kein Handy-Netz dort am Käxtjärn. Das Wasser kommt aus dem Brunnen vor dem Haus. Es muss mit einer quietschenden Handpumpe aus 15 Metern Tiefe nach oben befördert werden. Heizen? Nun, da gibt es einen Wald vor der Türe, eine Säge und eine Axt im Schuppen und mehrere Kamine übers ganze Haus verteilt. Das hatte uns der Vermieter, ein Sachse, avisiert. Im Gepäck unseres Range Rovers hatten wir Angelzeug, Bücher, ein Skatspiel, Kerzen, Rum für einen abendlichen Grog, ein paar Bier, ein robustes Aluminium-Kanu nebst zweier Stechpaddel. Und uns. Kann das gutgehen? Diese Frage stellten wir uns des Öfteren auf dem Weg über Dänemark und die große Großer Belt-sowie die sehr große Öresund-Brücke ins schwedische Malmö. Von dort waren es noch einmal rund 600 Kilometer bis zu unserem Ziel im Zentrum Südschwedens, nördlich von Vänern- und Vätternsee in der wasser- und waldreichen Hällefors-Kommun. Es ist Mitternacht, als wir Malmö erreichen. Wir suchen uns einen schönen Stellplatz in Malmö direkt am Wasser mit Blick auf den Öresund, und wir schließen für einige Stunden die Augen. Bei Sonnenaufgang geht es weiter, tanken und schnell einen Kaffee holen. Frühstücken in Landskrona an der alten Zitadelle – mit Blick auf den kleinen Yachthafen. Weiter, gen Norden. Bei Motala überqueren wir den Götakanal. Kurz vor Erreichen unserer Hütte im Wald: ein Schild am Straßenrand. Es verspricht deftige schwedische Hausmannskost. Letzter Stopp für uns in der Zivilisation. Eine gute Entscheidung: was da in dem erst seit zwei Jahren bestehenden „Mogetorps Wärdshaus“ zwischen alten Mauern auf der luftigen Terrasse oder im weitläufigen Garten am Buffett angeboten wird, kann sich sehen lassen. Es gibt frischen Fisch, Elch in Sosse und einen Gemüse-Köttbollar-Auflauf, Kaffee und Gebäck, das alles zu einem sensationellen Preis von umgerechnet neun Euro. Wir durchfahren den kleinen und sehr sauberen Ort Hällefors, nun liegen noch etwa sechs Kilometer unbeschilderte und unbefestigte Waldwege vor uns. Dann sind wir da. Motor aus. Stille. Das grelle Licht der Nachmittagssonne wird durch leise im Wind raschelnde Birken gebrochen. Ein Sprung vom wackeligen Holzsteg ins geheimnisvoll schimmernde, kühle Nass des Sees. Möwen kreisen über uns, im Wald ruft ein Falke. Ab und zu platscht es schwer im Wasser: dort an der Schilfkante steht er, der Hecht. Dann lösen wir unseren stabilen Aluminium-Kanadier vom Autodach. Wassersport: das gehört immer dazu, egal ob vom Wind oder durch Muskelkraft angetrieben (notfalls auch einmal durch eine Maschine). Das wird in den nächsten Tagen unser Revier sein: der Nörr- und der Sör-Älgen sowie die von einem Wald umstandenen, Dutzenden von Seen, die sich in alle Richtungen lückenlos anschließen. Ja, es gibt keinen Strom in der Hütte am See. Aber wirklich gebraucht haben wir ihn nicht. Kerzenschein erhellte unsere abendliche Offiziersskat-Runde. Internet? WiFi? – haben wir schon nach einem Tag nicht mehr vermisst. Handy? Zuerst war uns noch aufgefallen, dass die Telefone nicht mehr ständig piepsten, schnurrten, klingelten und vibrierten. Aber auch darauf achteten wir schon nach kurzer Zeit nicht mehr. Ein neuer Alltag hielt uns gefangen, eine Mischung aus Faulenzen, Paddeln und verschiedenen Notwendigkeiten: der Notwendigkeit etwa, Holz zu „machen“, damit Kamin und Batsu nicht kalt blieben. Der Notwendigkeit, Wasser zu „holen“, vom Brunnen, eine Anstrengung, zugegebenermaßen. Doch welche Wohltat, das stets kühle, leicht mineralisch schmeckende Trinkwasser schließlich in den Eimer gefördert zu haben. Abends geht es noch einmal mit dem Kanadier raus auf den See, die letzten wärmenden Sonnenstrahlen findend. Kein Wind. Kein Laut. Nur eine unbeschwerte, goldene, leise wispernde Weite ist um uns. Das Sein wird leicht. Von der Hütte grüßt die unverzichtbare blaugelbe Nationale über den See. Zurück geht es in sieben Tagen mit der Fähre ab Trelleborg. Aber daran wollen wir jetzt noch nicht denken. Jetzt steht erst einmal Entschleunigung auf dem Programm – wir sind dann mal weg!

P.S. – Wer es wissen will: ja, es ging gut. Kein Mensch braucht ständig Strom, W-LAN oder Telefonempfang. Musik gab es vom Handy oder wurde gleich selbstgemacht. Unser akkubestückter Weltempfänger versorgte uns zudem auf FM 88,9 MHz „Radio Hällefors“ mit Musik. Als Kühlschrank fungierte ein unterirdisch angelegter Raum, einem Eiskeller ähnlich, und mit dem Propangas-Herd ließ sich sogar Brot backen. Und, kaum dass man es glaubt: seit langem hatte ich wieder Muße zum Lesen (zur Auffrischung Schneiders Deutsch für Kenner und – als Kür – Die besten deutschen Erzählungen, ausgewählt von Marcel R.-R., welch ein Genuß!). Denn, auch ein TV-Gerät suchte man in der Hütte ja vergebens. Fazit: Experiment geglückt. Mit Strom, Wasser und den elektronischen Medien gehen wir ab jetzt zu Hause und im Büro noch bewusster um. Nächstes Jahr kommen wir wieder an den Käxtjärn. Dann klappt das vielleicht auch endlich mit dem Schnöcker.

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