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Whisky, Wellen und Wasser
 
Montag, 20. April 2009

Whisky, Wellen und Wasser

von Dirk Engelhardt

Die inneren Hebriden
Mit bestem schottischen Single Malt Whisky machen sich die Teilnehmer der „Classic Malt Cruise“ entlang der inneren Hebriden im Nordwesten Schottlands gegen das raue Wetter immun.

Von Dirk Engelhardt

„Haben wir den Gin und das Tonic Water an Bord?“ Greg ist Engländer, und ein Sonnenuntergang an Bord ohne den typisch englischen Sundowner wäre für ihn eine Tragödie. Doch keine Sorge, Gin und Tonic sowie reichlich Whisky lagern beruhigenderweise gut verstaut in der Bordküche. Die Regatta für Hobbysegler kann also losgehen. Im kleinen Hafen von Talisker liegen an jenem kühlen schottischen Sommerabend 94 Yachten vertäut, manche geschmückt mit Wimpelbändern. Boote kommen aus Kanada, Neuseeland und Südafrika. Aus der Masse der weißen Yachten ragt das Schiff von Kapitän Jamie heraus. Jamie, der das Äußere eines Piraten kultiviert, hat das rund 70 Jahre alte Hummerfischboot mit einer beachtlichen Länge von 30 Metern von Hand restauriert, nachdem es vor zwanzig Jahren fast bis auf das Skelett niederbrannte. In jedem Hafen zieht die „Eda Frandsen“ (www.eda-frandsen.co.uk) jetzt die Blicke auf sich, ungefähr so wie ein originaler Bentley Le Mans an der Autobahnraststätte. Fast alles – bis auf die modernen Instrumente, die schamhaft hinter einem Holzvorbau versteckt sind, ist hier aus glänzend poliertem, dunklem Holz gefertigt. Der Clou ist der Kapitänssitz: wie ein Reitersattel hockt er hinter dem Steuerrad. Mehr braucht es nicht zum Piraten-Feeling.
Die 200 Meilen lange „Classic Malt Cruise“ in Schottland ist bei Seglern mittlerweile ein Fixpunkt im Kalender. Rund 100 Yachten segeln auf der Cruise vom nördlichen Oban auf der Isle of Skye bis nach Lagavulin auf der Insel Islay. Die Fahrt ist weniger Wettrennen als Genussfahrt: die Haltepunkte befinden sich immer an klassischen Whisky-Destillerien, die jeweils zum ausgiebigen Tasting einladen. Das wärmt bei einer Witterung im Juli, die 15 Grad kaum übersteigt. Der unberührten, magischen Natur im bevölkerungsarmen Norden Schottlands tut dies jedoch keinen Abbruch.
Viel Bootsverkehr gibt es nicht, selbst in den schönen Sommermonaten, auf den stillen Gewässern der Inneren Hebriden im Nordwesten Schottlands. Wenn eine Yacht auftaucht, hat sie fast immer die grün-weiße Flagge gehisst, die sie als Teilnehmer der „Classic Malt Cruise“, dem größten nicht-kompetitiven Segel-Event Englands, ausweist. 1994 dachte sich der Diageo-Konzern die Fahrt als Geburtstagsgeschenk zum 200-jährigen Bestehen der Destillerie von Oban aus. „Die Cruise fand so starken Anklang, dass wir sie seitdem jedes Jahr wiederholen müssen“, erzählt Nicolas Morgan, Marketingchef der Classic Malts Selection. Zu diesem Verband der Single Malts gehören wohlklingende Namen wie Talisker, Oban und Lagavulin - kleine, aber feine Destillerien, die Whisky mit jener rauchigen Note herstellen, den Kenner schätzen.
Bevor die Mannschaften an Bord gehen und für die kommenden Tage aus der Bordküche verpflegen werden, gehen die meisten noch einmal „ordentlich“ essen. Die erste Wahl ist das „Kinloch’s House“ in Sleat. Schon der Aperitif in diesem Haus ist einen weiten Weg wert. Bevor nämlich das Essen im Speisezimmer angerichtet wird, bittet der Kellner zum Drink in den gemütlichen Living-Room des Landhauses. Von kuscheligen Sofas hat man hier einen sagenhaften Blick über den idyllisch gelegenen, einsamen Loch Na Dal. Mit einem Glas Whisky oder einem schottischen Bier in der Hand, wünscht man sich, der Koch möge sich noch etwas Zeit mit dem Essen lassen. Im Speiseraum geht es höchst stilvoll weiter. Auf weißen Damasttischdecken funkeln Kerzenleuchter und feine Kristallgläser. An den Wänden hängen gold gerahmt die Ahnen der MacDonalds-Family, die ungleich mehr von kulinarischen Genüssen versteht als ihre amerikanischen Namensvettern. An den umliegenden Tischen speisen schottische Großfamilien, denen man schon von weitem ihre distinguierte Herkunft ansieht. Serviert werden vor allem regionale Erzeugnisse: Geflügel, Wild, Schellfisch, Räucherlachs aus South Uist, und Rindfleisch aus dem Buccleuch Estate.
Vor dem In-See-Stechen gibt es in der Brennerei auf Skye noch einen schottischen Abschied für Seemänner, „Ceilidh“ genannt. Und das heißt vor allem: Essen und Tanzen. In riesigen Stahltrögen warten die sättigenden, etwas faden schottischen Gerichte wie Gemüse, Gulasch, Kartoffeln und natürlich Haggis. Aus welchen Zutaten Haggis gekocht wird, lässt man sich allerdings besser nach dessen Genuss erklären. Mit ausreichend Whisky gestärkt, vollführen die Crews in dieser Nacht wilde schottische Tänze, zu zweit oder im Ringelreihen.
Am nächsten Tag ist das Wetter zwar sonnig und ruhig, doch leider gibt es wenig Wind. So muss der Motor bemüht werden, und sanft tuckert die „Grampus“, das Schiff von Kapitän Stewart, auf eine echte Piratenbucht zu. Da! Ein Hai! Die Flosse, in rund 50 Meter Entfernung, ist deutlich zu sehen. Doch Stewart muss seine „Crew“ enttäuschen: es ist nur eine Robbe, die sich träge im Wasser treiben läßt und scheinbar Spaß daran findet, arglose Landbewohner zu foppen. Nicht weit, auf einem größeren Felsen am Strand, lagert der Rest der Robbenfamilie und sonnt sich. Die „Grampus“ ankert an einer Felsformation, an der eine steile Stahltreppe hoch zum Land führt. Die Mannschaft hat sich vorgenommen, vor dem Abendessen den Hügel auf die sanfte Tour von hinten zu besteigen, um von oben Fotos der Traumbucht mit den weißen Segelyachten zu schießen. Die Besatzung der Eda Frandsen ist mutiger: ihr Kapitän leitet sie an der vorderen Steilwand des Hügels bergan, was mit feuchtem, mossbewachsenem Felsen nicht ganz ungefährlich ist.
Die klare, schottische Luft ist oben auf dem Gipfel noch klarer, und dazu ist es absolut ruhig. Handy-Empfang ist hier ein Ding der Unmöglichkeit, wer wirklich Ruhe will, findet sie hier. Die See hat von oben eine helle Türkisfärbung, die – wenn nicht die fast arktischen Temperaturen herrschten – an die Karibik erinnern. Die Eda-Frandsen-Mannschaft ist schon oben, und hat vorgesorgt: ein improvisiertes Whisky-Tasting unter freiem Himmel soll den Abstieg wohl leichter machen. Die Flora ist bodennah und grün, die Fauna noch karger. Tiere sind auf den abgelegenen Inseln selten. Mit etwas Glück sieht man einen Papageitaucher, auf Englisch Puffin, die sich gerne in Felsnischen einnisten. Die pinguinartigen Seevögel mit der weißen Brust, den schwarzen Flügeln und dem treuen Blick sind gar nicht scheu – menschliche Besucher auf diesem abgelegenen Eiland dürften auch höchst selten sein. Die hübschen Vögel inspirieren Skipper Stewart allerdings zu einer abscheulichen Mordmethode, die hier nicht wiedergegeben werden soll.
Wieder auf See, passiert die „Grampus“ das geschichtsträchtige Iona, wo sich im Jahr 563 ein vertriebener Prinz mit missionarischem Eifer verewigte. Er gründete das Kloster Iona Abbey und brachte damit das Christentum an die Westküste. Von dort breitete es sich in ganz Schottland und später in Skandinavien aus. Auf der Insel Iona befinden sich Königsgräber zuhauf: 48 schottische, vier irische und acht norwegische Könige fanden hier ihre letzte Ruhe.
Geankert wird wieder in einer abgeschiedenen Bucht, in der Nähe eines verlassenen Schulhauses, welches eine Gräfin dort bauen ließ, weil sie angeblich den Kinderlärm einer Schule in ihrer Nachbarschaft nicht ertragen hätte. Mit dem Schlauchboot dreht Stewart nach dem Dinner noch eine abendliche Runde um die Insel – wenn es nicht so kalt wäre, könnte man sich angesichts der dichten Vegetation und des flachen, seidigen Küstenwassers in die Amazonas-Region versetzt fühlen. Im letzten Schein der Dämmerung taucht ein ebenfalls verlassenes Spukschloss auf, das Eingangstor notdürftig mit Brettern vernagelt. Man kann sich vorstellen, wie sich Romanautoren vom Schlage eines John Sinclair von solcher Kulissen inspirieren lassen.
Nach drei Tagen auf See und Ankern in abgelegenen, menschenleeren Buchten gerät die Einfahrt in das romantische Hafenstädtchen Tobermory auf Mull zum willkommenen Wiedereintritt in die Zivilisation. Drei Kneipen gibt es hier, eine Post, eine Whisky-Destillerie, natürlich, und drei Kirchen – wobei die größte umfunktioniert ist zum riesigen Souvenirladen.
Entlang der Isle of Mull führt die letzte Etappe zum Zielpunkt, dem Hafenstädtchen Oban. Etwas verschlafen geht hier alles seinen Gang, außer einer Bootsfahrt zur „Robbeninsel“ ist hier nicht viel los. Kaum zu glauben, dass Oban 1850 eines der populärsten Ferienziele in Schottland war – Touristen kamen aus ganz Europa hierher. Ein ehrgeiziges Hotelprojekt eines Investors, der im vorletzten Jahrhundert ein komplettes römisches Amphitheater über dem Städtchen nachbaute, steht bis heute unbenutzt da – aus Geldmangel kam es nie zur Fertigstellung. Auch die traditionsreiche Destillerie in Stadtzentrum wurde 1968 geschlossen. Aus Platzmangel konnte die relativ kleine Destillerie nicht ausgebaut werden, um rationeller zu produzieren. Doch die Firma hatte die Rechnung ohne die Whisky-verliebten Schotten gemacht. Schon vier Jahre später wurden die Gärkessel wieder in Gang gesetzt, und mit der weltweiten Mode der Single Malts brummt das Geschäft. Whisky ist offenbar sexy: in der Herrentoilette der Hafenkneipe gibt es Kondome mit Whisky-Flavour.



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