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Travemünder Woche auf Schlingerkurs
 
Montag, 30. März 2009

Travemünder Woche auf Schlingerkurs

von Jürgen Vogler

Travemünder Woche - Familienfest der Segler -
Schleswig-Holstein schmückt sich Jahr für Jahr mit zwei rauschenden Festen für Segler und Landratten. Die Kieler Woche ist das größte maritime Fest auf unserem Erdball. Nicht weniger sportlich auf See und stimmungsvoll an Land präsentiert sich die Travemünder Woche. Nur ein wenig kleiner und gemütlicher. Doch in diesem Jahr steuert die Veranstaltung einen bedenklichen Schlingerkurs. Die Travemünder Woche und ihre Organisatoren sind einem Dauerbeschuss ausgesetzt, der bereits einige Opfer gefordert hat. Das Kuriose daran ist, die Heckenschützen kommen aus den eigenen Reihen. Allen voran Politiker und Verwaltung der Hansestadt Lübeck zu der Travemünde gehört.
Als die Schildbürger einst ein Rathaus bauten, vergaßen sie die Fenster. Fortan versuchten sie das Licht mit Eimern in das Rathaus zu tragen, was bekanntlich misslang. Eine drastische Erleuchtung scheint auch im Lübecker Rathaus dringend erforderlich zu sein, obwohl es über Fenster und Türen verfügt. Denn anscheinend hat „Lübecks schönste Tochter“ - wie Travemünde gerne auch bezeichnet wird - für einige Politiker und Beamte ihren Reiz verloren. In diesem Jahr soll die 120. Travemünder Woche gefeiert werden, jenes „Familienfest der Segler“, das bereits im vergangenen Jahr 900.000 Besucher an der Travemündung begeisterte. Wer je eine Travemünder Woche erlebt hat, ob er nun den Seglern verbunden ist oder nur als „Sehmann“ kommt, ihm bleiben stets sportliche Höchstleistungen in einer ausgelassenen und fröhlichen Festivalatmosphäre an der Ostsee in Erinnerung. Eine bessere und anschaulichere Werbung für den Segelsport findet man selten. Um dieses Mammutprogramm über zehn Tage auf die Beine zu stellen, sind 300 ehrenamtliche Helfer und ein kompetentes Organisationsteam mit viel Erfahrung nötig. Doch dieses gibt es nicht mehr.
Mehr als elf Jahre hatte Claus-Dieter Stolze das Organisationsteam der Travemünder Woche geleitet. Gemeinsam mit Karin Böge schuf er jenes seglerisch anspruchsvolle Großereignis, das Jahr für Jahr zu einem Magnet für Segler und Gäste wurde. Jetzt haben beide das Handtuch geworfen. Resigniert gaben sie auf, nachdem das Rechnungsprüfungsamt der Hansestadt Lübeck ihnen Verschwendung vorgeworfen hat. Das übliche Fest des Dankes für die 300 ehrenamtlichen Helfer stieß den Erbsenzählern im Lübecker Rathaus auf. Dass dieser festliche Abend von Sponsoren finanziert wurde, störte die kleinlichen Rechner nicht, sie präsentierten eine Aufrechnung, die selbst so mancher Mitarbeiter im Rathaus nicht nachvollziehen konnte. „Ich habe mich über die abenteuerliche Hochrechnung der Stadt geärgert“, kommentierte Claus-Dieter Stolze das verwirrende Zahlenwerk. Pikantes am Rande, an dem beanstandeten Fest nahm auch der Bürgermeister der Hansestadt teil( Verwaltungschef des Rechnungsprüfungsamtes ).
Doch damit noch nicht genug. Um den desolaten Haushalt der Stadt zu sanieren, soll nun auch die Travemünder Woche zur Kasse gebeten werden. Höhere Standgebühren würden den Etat zusätzlich um rund 50.000 Euro belasten. „Dann wird es die Travemünder Woche nicht mehr geben“, war die erste Reaktion von Rolf Erwert, Vorsitzender des Lübecker Yacht-Clubs, der für die Durchführung der Travemünder Woche federführend ist. Auch hierzu eine Bemerkung am Rande: Andere Städte fördern vergleichbare Veranstaltungen finanziell. Kiel unterstützte die Kieler Woche vergangenes Jahr mit 833.000 Euro.
Der Frust der Verantwortlichen in Travemünde sitzt tief. Engstirnigkeit und mangelnder Weitblick sind nur die milden Kommentare, die man immer wieder an der Travemündung hören kann. Die Hansestadt Lübeck zeigt, dass sie sich ihrer Schätze nicht bewusst ist. Sie ramponiert einmal mehr ihr Ansehen durch kleinlichen Bürokratismus und Inkompetenz. Das positive Image der Travemünder Woche, das unzählige unbezahlte Helfer über Jahre aufgebaut haben, wird vom Bürgermeister und den Stadtvätern mit Füßen getreten. Bleibt nur zu hoffen, dass die Verantwortlichen der Travemüder Woche sich trotzdem nicht entmutigen lassen, so dass Segler und „Sehleute“ auch die 120. Travemünder Woche (17. Juli bis 2. August) fröhlich und ausgelassen feiern können.



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