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Sicher ist sicher- ist sicher? Die Axt auf dem Wasser (Wie man auf See Leben rettet).
 
Montag, 13. April 2009

Sicher ist sicher- ist sicher? Die Axt auf dem Wasser (Wie man auf See Leben rettet).

von Matt - Muencheberg

Sicher, aber ungemütlich: Wie fühlt es sich an in einer Rettungsinsel? Foto (c) nass-press.
Hand aufs Herz: Was machen Sie als Skipper, wenn bei aufziehendem Sturm mitten auf See das Rollgroß klemmt, die Segelfläche sich nicht verkleinern lässt? Welchen Feuerlöscher nehmen Sie zur Hand bei einem Brand im Motorraum? (Wo stecken die überhaupt?) – Schaum? Pulver? Wasser? Wie handhabt man eine Seenot-Fallschirmrakete? (Wo waren die gleich?) Und – wie fühlt es sich an, mit fünf weiteren pitschnassen Mitseglern auf allerengstem Raum in einer wild schaukelnden rettungsinsel zu hocken?

Jeder erfahrene Skipper kennt die Situation: Mitten auf der See zieht plötzlich schwarzdrohend ein Gewitter herauf. Sturm droht. Nun muss alles an Bord ganz schnell gehen. Jeder Handgriff – hundertmal in Gedanken durchgespielt – muss sitzen. Alles an Bord muss festgezurrt und gegen Verrutschen gesichert werden. Rettungswesten und Lifebelts, eingepickt in die rasch gespannten Sorgleinen, sind ab jetzt Pflicht. Die Segelfläche will verkleinert, die Rettungsmittel ein letztes Mal gecheckt werden. Alle Luken dicht. Nun ist es auch an der Zeit, mit der Crew eine Schwerwetterstrategie zu besprechen: Welcher ist der sicherste Kurs? Liegen Nothäfen an der Strecke? Nicht unterschätzt werden sollte auch die Verpflegung während eines Sturmes mit leichter Kost und warmen Getränken. Soweit die Theorie.

Doch das Problem liegt zumeist nicht im fehlenden Kenntnisstand der Segler. Oft fehlt es einfach an der Umsetzung. Wie in der Praxis die Reaktions- und Handlungsfähigkeit bei schwerem Wetter oder einem Seenotfall verbessert werden kann, zeigt ein nach Richtlinien der International Sailing Federation (ISAF) zertifiziertes, spezielles Schiffssicherheits-Training. Das wird unter anderem von der in Lauterbach auf Rügen ansässigen Segelschule Goor angeboten.

Die Sturmvorbereitung beginnt vor dem Auslaufen der Yacht, lernen die Seminarteilnehmer. Unermüdlich wird auf die Bedeutung des Wetterberichtes hingewiesen. Die Wetterlage sollte von mehreren Stationen eingeholt werden, und zwar vor Befahren des entsprechenden Revieres. Grund: die verschiedenen Wettersituationen, die auch in einem relativ kleinen Gebiet vorherrschen können. Wenn man als Skipper schon vorher weiß, dass beim bevorstehenden Törn mit Schwerwetter zu rechnen sein wird, sollte man bei der Wahl der Charteryacht auf die Ausstattung mit einem konventionellen Groß achten. Dann kann der Fall, dass ein Rollgroßsegel sich plötzlich bei Wind und Welle verhakeln, gar nicht erst eintreten. Wenn doch, muss das Segel schnell weg, um ein Querschlagen der Yacht zu verhindern. Dann hilft notfalls nur noch ein beherzter Schnitt mit einem (scharfen) Messer.

Doch der Schiffssicherheits-Kurs, welcher nach den ISAF-Offshore Special Regulations, Punkt 6.01, Voraussetzung für die Teilnahme an Seeregatten der Kategorie 2 (Hochsee) für mindestens 30 Prozent der Mannschaft vorgeschrieben ist, konfrontiert die Teilnehmer auch mit dem möglichen Fall eines Leckschlagens der Yacht, schnell geschehen etwa bei der nächtlichen Ramming mit einem überbordgegangenen Container oder einem dicht unter der Wasseroberfläche schlafenden Wal. Doch auch hier muss guter Rat nicht teuer sein: Bei kleinen Lecks ist es oft ausreichend, ein Kissen oder eine Automatik-Rettungsweste in das Rumpfloch zu stecken – und diese dann einfach auszulösen. Schwierig wird es nur dann, wenn das Leck schwer zugänglich hinter einem Schott oder einer Bordwand versteckt liegt. In diesem Falle hilft nur noch, sich möglichst rasch Platz zu schaffen, um an das Leck heranzukommen und es zügig abdichten zu können. Hier hat sich schon oft eine kleine, scharfe Axt als sehr hilfreich erwiesen, mit der die störende Bordwand weggehauen werden kann.

Neben der Theorie lernen die Teilnehmer, wie man Notsignale handhabt und wie ein Feuerlöscher korrekt zu bedienen ist. Bei Goor in Lauterbach müssen alle Segler außerdem ins Wasser. Nein, nicht in den eiskalten Greifswalder Bodden direkt vor der Haustüre, sondern in das einer der nahen Schwimmhallen. Die Kursteilnehmer sollen am eigenen Leib erleben, wie es sich anfühlt, mit Ölzeug im Wasser schwimmen zu müssen. Da kann man lernen, wie schwer es in praxi ist, aus eigener Kraft in eine Rettungsinsel zu klettern. Hat man das geschafft, ist das Martyrium jedoch noch lange nicht beendet: Dann beginnt der Kampf gegen die Übelkeit, die bei einigen Teilnehmern im engen und stickigen, wild tanzenden Rettungsinsel sofort aufsteigt.

So nehmen die Seminarteilnehmer am Ende auch noch die Erkenntnis mit, dass es unter Umständen, etwa wenn schweres Wetter droht, die sicherste Variante bedeuten kann, einen Hafen anzulaufen – oder gar nicht erst auszulaufen, getreu dem Motto: „Sicherheit geht vor Schnelligkeit“. Schließlich wird man dann auch nicht in eine Rettungsinsel umsteigen müssen…

Sicher ist sicher, meint Ihr Matt.Müncheberg.

(Die Kurse finden seit 2009 jährlich einmal am Anfang eines Jahres statt. Nächster Kurstermin ist der 21.und 22. Februar 2010. Kosten: 299 Euro pro Person, www.goor.de. Wer bis dahin nicht warten möchte, bucht einen Kurs bei der Kreuzer-Abteilung des Deutschen Segler-Verbandes, die Trainings im März und April 2009 sind allerdings bis auf einige Warteplätze schon ausgebucht. Ein weiteres Seminar ist für den Herbst 2009 geplant. Kursort ist das Ausbildungszentrum Schiffssicherung der Marine in Neustadt / Holstein, www.kreuzer-abteilung.org. Vom 17.bis19.April läuft ein Seminar gleichen Inhalts beim Deutschen Hochseesportverband Hansa, Zweigstelle Glücksburg an der Ostsee. Kursgebühr: 520 Euro, mit Vollpension 640 Euro, www.dhh.de. Literatur: Sturm, was tun? von Dietrich v.Haeften, Delius Klasing).


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