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Wenn die bunten Fahnen wehen ...
 
Montag, 06. Oktober 2008

Wenn die bunten Fahnen wehen ...

von Jürgen Vogler

So soll`s sein ...
Man zeigt wieder Flagge! Nicht erst seit der Fußball-Weltmeisterschaft in unserem Land vor zwei Jahren sind bunte Fahnen stets gern gesehen. Der hemmungslose Wunsch, zu allen Gelegenheiten farbenfrohes Tuch zu hissen, hat sich seit einigen Jahren auch an Bord von Yachten geradezu epidemisch ausgebreitet. Selbstverständlich beschränkt man sich dabei nicht nur auf Schwarz-Rot-Gold. Seemännische Traditionen hin oder nationale Gefühle von Gastländern her, wen interessiert das schon. Wir zeigen wer wir sind, in dem wir die regionale Herkunft aller Crewmitglieder über die Toppen flaggen, möglichst noch gekrönt mit dem Totenkopf einer Piratenflagge.
Wer kennt sie nicht, jene feuchtfröhliche Chartercrew, die bereits kurz nach Übernahme der Yacht den Zwang verspürt „ihrem Schiff“ eine ganz persönliche Note zu verleihen. Flaggen, Fahnen und Wimpel eignen sich dazu vorzüglich, denn schließlich gibt es mit Achter- und Vorstag, Wanten, Seereling, Saling und nicht zuletzt dem Flaggenstock genügend Möglichkeiten, buntes Tuch nach Herzenslust zu befestigen. Selbstverständlich muss als Erstes bei einer Yacht mit französischem Heimathafen die Trikolore weichen. Kurzerhand wird sie natürlich durch Schwarz-Rot-Gold ersetzt. Ob mit oder ohne Bundesadler ist dabei gänzlich unerheblich, wer kennt denn schon den unbedeutenden Unterschied zwischen einer Bundesflagge und einer Bundesdienstflagge. Von der weiß-blauen bayerischen Raute über den brandenburgischen roten Adler bis zum Berliner Bären reicht die Bandbreite der heimatverliebten „Bootsdekorateure“. Und damit auch jeder weiß, für welchen Fußballclub sich die Crew erwärmt, darf die Vereinsflagge natürlich nicht fehlen, ebenso wenig wie das bunt bedruckte Laken der bevorzugten Biermarke. Die Fahne flattert uns voran …
Als verantwortungsvoller Skipper kann man sich angesichts solcher Erscheinungsformen nur mit Grausen abwenden, wenn denn die beengten Verhältnisse eines stark frequentierten Yachthafens es erlauben. Gut gemeinte Hinweise auf Seemannschaft, Tradition oder Gepflogenheiten sind in den meisten Fällen schon im Ansatz vom Winde verweht. Zugegeben, Zeiten ändern sich. Nicht jeder macht sich mehr die Mühe im Hafen die Nationale bei Sonnenuntergang einzuholen. Auch das Grüßen von Schiff zu Schiff durch Flagge dippen oder senken der Flagge am Flaggenstock wird immer seltener beobachtet. Die grundsätzliche Achtung der Hoheitszeichen eines Landes hat sich jedoch bis heute nicht geändert, dazu gehört besonders auch die Nationalflagge. Zahlreiche Länder reagieren äußerst empfindlich, wenn man ihren offiziellen Symbolen nicht den nötigen Respekt erweist. Wer die Trikolore auf einer Charteryacht in französischen Gewässern kurzerhand durch seine Heimatflagge ersetzt, zieht sich nicht nur den Zorn der Hafenmeister zu, sondern wird im Umkreis von 500 Seemeilen stets nur den schlechtesten oder gar keinen Liegeplatz bekommen, denn schließlich hat man dem Schiff die nationale Identität geraubt.
Ähnlich kritisch werden einlaufende Yachten beäugt, die unter der Saling voll Stolz alle bisher bereisten Nationen führen. Wer sich diese Demonstration eines Weltenbummlers nicht verkneifen kann, der sollte sie sich für die Rückkehr in seinen Heimathafen aufsparen. Dort wird einem dann vermutlich auch die gewünscht Anerkennung zu teil, was in einem Gastland kaum zu erwarten ist. Die Gastlandsflagge unter der Steuerbord-Saling ist gute seemännische Tradition und wird auch von den Einheimischen des bereisten Landes stets wohlwollend registriert.
Auch wenn wir alle jetzt Europa sind und die eigene Nationalität für begeisterte Europäer eher untergeordnete Bedeutung hat, so ändert das jedoch nichts an der Verpflichtung, an deutschen Sportbooten die Bundesflagge zu führen. Die Europaflagge kann hier kein Ersatz sein. Auch nicht, wenn in der blauen Flagge mit dem Sternenkranz in der oberen linken Ecke ein bisschen Schwarz-Rot-Gold zu erkennen ist. Wer trotzdem nicht auf das flatternde Europa an Bord verzichten möchte, hätte zwar an seiner Yacht viele Stellen, das Fähnchen zu hissen, doch nähert er sich sehr bedenklich jenen eingangs beschriebene unbedarften Flaggen-Freaks, denen das flatternde bunte Tuch im Wind viele mehr bedeutet, als eine korrekte Flaggenführung an Bord einer Yacht.
Lasst die bunten Fahnen wehen! Zu jeder Zeit und zu jedem Anlass, beim Hafengeburtstag und zum Promenadenfest, fröhlich flatternd über die Toppen geflaggt. Für den nächsten Törn jedoch sollte jedes bunte Tuch seinen zugewiesenen Platz bekommen, ganz im Sinne seemännischer Tradition.
„Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme.“
Jean Jaurès ( 1859-1914) franz. Philosoph und Politiker




Kommentare zu dieser Kolumne
Wolfgang Pistol10.10.2008 18:24 Uhr
Jürgen Vogler ist zuzustimmen. Die Freude am Segeln setzt sich aus verschiedenen Aspekten zusammen. Dazu gehört auch, die Segelei mit einem gewissen, historisch gewachsenen Stil zu betreiben. Also: bei Hafenfesten etc. gerne viel buntes Tuch, ansonsten aber, wie es gute Seemanschaft erfordert: Nationalflagge, Gastlandflagge und Vereinsflagge.

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