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Neuigkeiten vom Bodensee. Ein Hoch auf das gute Buch an Bord.
 
Montag, 16. Juni 2008

Neuigkeiten vom Bodensee. Ein Hoch auf das gute Buch an Bord.

von Matt - Muencheberg

Besser als TV im Salon: ein gutes Buch in der Plicht (oder auf dem Vorschiff) gehört zum Törn dazu. Foto: (c) nass-press.
Für meinen Freund Hein gehört ein gutes Buch zum Segel-Törn wie das Tuch an den Mast. Dabei ist Hein eigentlich keine Leseratte. Doch wie so oft sind es die kleinen Dinge an Bord, welche die Segel- (oder Motoryacht-Partie) erst zu einem wahren Genuss werden lassen. Und dazu gehört unbedingt Literatur.

Während Hein meist Erzählungen vom harten (und teils auch lustigen) Seemannsleben goutiert, fiel mir bei einem Ausflug mit einer modernen 40 Fuß-Motoryacht aus Maasbracht die neue Novelle von Martin Walser in die Hände: Der Zufall führt im Urlaub zwei Ehepaare zusammen. Die Männer, Endvierziger, ehemals Studienfreunde, können verschiedener nicht sein. Während der eine vom Leben nichts mehr erwartet, jagt der vitale andere von einer Tätigkeit zur nächsten und bestimmt auch bald das Urlaubsprogramm. Die Kluft zwischen den Männern wächst.

Nun wäre eine Novelle keine echte Novelle, wenn sich der erzählte Vorgang, das Geflecht von Aktion und Mensch, die Verknüpfung von Schicksal und Charakter nicht alsbald zu einem krisenhaften Vorfall zusammenzöge, zu einem Wendepunkt, oder wie Goethe es in einem viel zitierten Gespräch mit Eckermann vom 29.1.1822 definiert: zu einer ?sich ereigneten unerhörten Begebenheit?.

Die trägt sich bei Walser auf dem Bodensee zu. Als die Ankerleine ausgebracht (auch wir: auf einem See!), ein erfrischendes Bad im Möllenzugsee genommen worden, der trockene Rote eingeschenkt und die Leseposition in der geräumigen, von später Sonne beschienenen Plicht eingenommen ist, überfliege ich atemlos den so meisterlich beschriebenen Vorfall: ?Als Helmut sah, dass die über Bord laufenden Wellen jetzt gleich ins Cockpit schlagen würden, stieß er mit einem Fuß Klaus Buch die Pinne aus der Hand. Jetzt passierte alles gleichzeitig. Das Boot schoss wieder in den Wind. Klaus Buch stürzte rückwärts ins Wasser. Das Boot richtete sich auf. Der Wind kriegte es von der anderen Seite zu fassen. Helmut duckte sich gerade noch unter dem herüberschlagenden Großsegel durch. Dann kauerte er am Mast und sah nach Klaus Buch?.

Wer hätte das gedacht. Unerhört! Abfall und Ausklang. Ich lege das Buch zur Seite. Atme durch. Schließe die Augen. Morgen ist ein neuer Tag an Bord. Mit einem neuen Buch.

Was war oder ist Ihre Lieblingslektüre an Bord? Fest steht: ein gutes Buch gehört an Bord, wie, ja eben wie das Tuch an den Mast. Recht hat er, Freund Hein, findet Ihr Matt.Müncheberg, info@muencheberg-media.com.

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