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Brassen, Rah und Affenfaust: Es lebe das Etymon. Von der Sprache der Seeleute.
 
Montag, 12. Mai 2008

Brassen, Rah und Affenfaust: Es lebe das Etymon. Von der Sprache der Seeleute.

von Matt - Muencheberg

Auf der
Mein Freund Hein meint, wer die Seemannssprache erlernen wolle, gehe auf einen Traditionssegler. Am besten auf einen mit Rahbesegelung, denn da gebe es vieles an Hardware, das an Bord einer ?normalen? Yacht nicht vorkomme (Und da fangen sie schon an, die Sprachschwierigkeiten einer ?Landratte? mit dem maritimen Wortschatz: Was genau ist eigentlich: eine Rahe?).

Seemannssprache sei heute keine reine Berufssprache mehr, sagt Dietmar Bartz. Nach hundert Jahren gibt es ? wieder ? (endlich!) ein ausführliches maritimes Wörterbuch. ?Etymologie? nennen das die Fachleute, und sie meinen damit die Wissenschaft von der Herkunft, Geschichte und Grundbedeutung der Wörter. Seemannssprache sei vielmehr heute ein Konglomerat, aus dem sich Seeleute und Marinesoldaten, Wassersportler und Bootsverkäufer, Hightech-Designer und Regatta-Teilnehmer und ?Besucher gleichermaßen nach Gutdünken bedienten, so Dietmar Bartz im Vorwort zu seinem neuen Buch weiter.

Gut so. Warum? Nehmen wir das Beispiel der Santa Barbara Anna: Das ist so ein Schiff, von dem Freund Hein sprach: Ein richtiger Traditionssegler mit einem wahren Wirrwarr an Leinen, Blöcken und Segeln. Nur Fans der Popgruppe Kelly Family wissen, dass die Sangeskünstler ein mehr als 43 Meter langes Segelschiff ihr Eigen nennen, nach der verstorbenen Mutter der Bandmitglieder Santa Barbara Anna genannt. Doch die Familie segelte nur ein einziges Mal mit dem ehemaligen Fischerboot: Seit einer Sturmfahrt durch die irische See im Jahr 2001, bei der alle Besatzungsmitglieder bis auf Joey Kelly und dessen Vater seekrank wurden, liegt der 1951 bei Richard Iron Works im englischen Lowestoft gebaute ehemalige Dieseltrawler, mittlerweile umgebaut zu einem Dreimast-Toppsegelschoner, im Stadthafen von Rostock an der Ostseeküste.

Schoner? Toppsegel? ?Ein Toppsegelschoner ist ein Schiff mit mehreren Masten, bei dem der vordere Mast ein Gaffelsegel, also ein Segel mit Holzspieren, trägt?, erklärt Gerd Düffer, Skipper auf der Santa Barbara Anna. Die Besonderheit bestehe jedoch in den Rahsegeln, rechteckigen Tüchern, welche ebenfalls an Spieren ? den Rahen ? mittig an der Vorkante des vorderen Mastes befestigt sind, sagt der 69jährige Seemann stolz. Und die befänden sich eben oben, das heiße auf einem Schiff: im Topp. Und spätestens da werde klar, sagt mein Freund Hein, um wie viel einfacher es doch sei, Rahsegel zu sagen. Anstatt: Rechteckiges Segel, das an einer Rah (?) gefahren wird, wobei die obere Kante Kopf (?) heißt, die Seiten Lieken (?) und die Unterkante Fuß (?). Das scheint einleuchtend, hat jedoch einen Haken: Man muss schon mit dem Vokabular von Aak bis Zyklon (Bartz, Seemannssprache) oder Alfa bis Zylinderkoeffizient (Schult, Seglerlexikon, gehört ebenfalls in jedes Bücherschapp) vertraut sein. Sonst geht an Bord eines Traditionsseglers gar nichts.

An Bord der Santa Barbara Anna gebe es allein 140 verschiedene Leinen, die jeweils an einem bestimmten Belegnagel an Bord festgemacht sind, sagt Düffer. Und: jeweils einen eigenen Namen haben. Düffer gehört zu einer Crew von sieben Männern, allesamt ehemalige Seeleute, die sich in ihrem Ruhestand dem Schiff widmen. Und, ganz nebenbei das maritime Sprachgut pflegen. Den Unterhalt des Schiffes verdienen sie sich mit Charterfahrten für Firmen und Privatleute, sie selbst betreiben ihr Hobby ehrenamtlich. Allesamt sind sie um die 70 Jahre alt, was ihnen schon mal den nicht ganz ernst gemeinten Namen ?Rentner-Gang? eingebracht hat. Düffer und seine Kollegen sehen das jedoch gelassen. Jede freie Minute wird gesegelt. Nur darauf kommt es den alten Salzbuckeln an. Und wenn die Leinentücher mal nicht gesetzt werden können, weil der Wind entweder zu stark oder gar nicht weht, dann wird eben am Schiff gebastelt.

Viele jüngere helfende Hände auf der Basis ?Hand gegen Koje? sind in den letzten Jahren dazugekommen. ?Arbeit gibt es auf der ?Anna? immer genug?, weiß Eckhard Wollmann. Der 46jährige Fahrdienstleiter im Rostocker Seehafen ist einer von denen, die den Umgang mit einem Traditionssegler erlernen wollen. Seit Dezember 2006 ist er vom Rahsegler-Virus befallen. ?Zuerst musste ich an Bord Holzbänke schleifen und lackieren?, erinnert sich der Eisenbahner. Inzwischen klettert er selbst in die Rahen und hilft beim Setzen des weit seitlich ausladenden Segeltuches. Wie selbstverständlich bedient er sich dabei inzwischen des Vokabulars der Seeleute, wenn er von seinen Erfahrungen an Bord der ?Anna? spricht. Klar habe er beim ersten Mal Angst gehabt, als er ganz nach oben gestiegen ist, um die Segel zu setzen, sagt Wollmann. Ganz oben: Das bedeutet bei dem Traditionssegler 28 Meter, das ist so hoch wie ein siebenstöckiges Haus. Doch: ?Je öfter man in luftiger Höhe war, umso ruhiger wird man?, erklärt der Decksmann mit dem blauen Crew-Pulli.

Jedermann könne auf der Santa Barbara Anna lernen, wie man einen Rahsegler richtig bedient, sagt Schiffsführer Düffer. Im Winter gebe es regelmäßig Theorieunterricht. Da werde auch die korrekte Terminologie gelehrt. was ist was an Bord? Und wie heißt es? Damit an Bord später jeder Handgriff nach Zuruf sofort sitzt. Außerdem gebe es eine Unterweisung in Arbeiten am Schiff, und im Sommer werde eben gesegelt. ?Klar zum Setzen Rahsegel?, kommt das Kommando von Skipper Düffer, als uns der mit 470 Pferdestärken befeuerte Caterpillar-Marinediesel aus der Warnowmündung geschoben hat. Und etwas später: ?Anbrassen!? ? Was das bedeutet? Das sollte man am besten selbst herausfinden, meint nicht nur Hein, an Bord. Beim Segeln.

So wie Eckhard Wollmann. Der zögert nicht: Geschickt entert er mit seinen Crewmitgliedern die Wanten empor, klettert ? gut gesichert mit einem Gurtsystem ? auf die Rahen und löst die Verschnürung der Kastensegel. Die Santa Barbara Anna setzt ihren neuen Kurs ab, und die Segel werden in Stellung gebracht. Sofort nimmt das Schiff Fahrt auf und neigt sich leicht auf die Seite ? krängen nennt das der Seemann. Der Marinediesel verstummt. Ruhe. Nur das Plätschern des Ostseewassers am Bug und das sanfte Auf und Ab der Wellen verraten, dass das Schiff nun schnell vorwärtskommt.

Ein Lächeln huscht über Gerd Düffers Gesicht. Da ist es wieder, das Gefühl, das die Rahsegel-Fans für die monatelange Winterarbeit an Rumpf und Aufbauten entschädigt, das Gefühl von der Schönheit des Traditionssegelns. Zu dem gehöre nun mal auch die passende Sprache, meint mein Freund Hein. Recht hat er. Er, Düffer, Wollmann und Co. sind begeisterte Wassersportler. Gerade ihre Begeisterung für einen historisch gewachsenen Sport ist es jedoch, welche der Fachsprache der Seefahrer in den letzten vierzig Jahren wieder Leben eingehaucht hat. Vor allem sie, die Freizeitskipper, sind es, die viel für den Erhalt seltener Wörter getan haben. Und das freut nicht nur die Sprachwissenschaftler (und die Journalisten). Ein Hoch auf die Seemannssprache. Es lebe das Etymon! Herzlichst, Ihr Matt. Müncheberg, info@muencheberg-media.com.

(Seemannssprach-Interessierte, die ?nebenbei? auch noch das Rahsegeln erlernen wollen, wenden sich an den Skipper der ?Anna?: Tel. 0151-12034114. Der gibt auch gern Informationen zu den günstigen Miet- oder Charterpreisen des Schiffs. Das Traditions-Schiff im Internet: www.santa-barbara-anna.de. ).



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