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Keiner will ihn, nur wenige können ihn wirklich ausfüllen: Den Skipperposten. Loblied auf die Halbgötter in Ölzeug. Und auf Käpt`n Blight.
 
Montag, 28. April 2008

Keiner will ihn, nur wenige können ihn wirklich ausfüllen: Den Skipperposten. Loblied auf die Halbgötter in Ölzeug. Und auf Käpt`n Blight.

von Matt - Muencheberg

Kein Job für Schlafmützen: Der Skipper trägt im Zweifel die Verantwortung. (c) nass-press.
Ist die Hölle tatsächlich eine geschlossene Gesellschaft? Und der demokratische Skipper ? seemännisch betrachtet - ein Unhold? Ein Taugenichts? ?Das war Mord, ganz klar Mord?, sagt einer der Augenzeugen des wohl bekanntesten Todesfalles an Bord der deutschen Segelyacht Apollonia. Die Schreckens-Chronologie beginnt am 13.Dezember 1981. Am Abend sind zwei der sechs Mitsegler, die den Atlantik gemeinsam von den Kanaren Richtung Karibik überqueren wollen, tot. Am 18. Tag auf See schießt der Navigator mit einer Pistole erst auf einen Studenten, dann richtet er den Lauf auf eine Mitseglerin. Schließlich trifft er den Eigner tödlich. Der junge Student überlebt schwer verletzt. Später, beim Gerichtsprozess, wird die Rede sein von der ?besonderen psychologischen Situation? an Bord eines Schiffes. Und von der Enge des Raumes, die zur Unausweichlichkeit des Geschehenen geführt haben soll.

Der Grund für die Tragödie liegt dabei für Viele klar auf der Hand: Es mangelte an einem erfahrenen, besonnenen Skipper, der diesen Namen auch verdient. Noch schlimmer: Es herrschten demokratische Verhältnisse an Bord! ?Ein Skipper muss sein!? sagt Bobby Schenk. Recht hat er. Zwei Arten einer ?perfekten Crew? könne sich der erfahrene Weltumsegler und Buchautor vorstellen: ?Anfänger mit in jeder Hinsicht sportlicher Einstellung, die während des Törns die Autorität des Skippers voll anerkennen, oder ausgeglichene Segler mit perfektem Wissens- und Ausbildungsstand sowie mit handwerklichen Fähigkeiten, die sich trotzdem während des Törns dem Skipper voll unterordnen können, und die ihre Meinung über den Skipper ihm gegenüber auch ungeschminkt äußern dürfen ? nach dem Törn?. Wow! ? Kurze Atempause. Das hört sich nicht gerade nach Meinungsvielfalt an.

Der in München geborene segelnde Staatsanwalt und Richter im Ruhestand hat seine auf vielen Langtörns gesammelten Erfahrungen mit dem Skippersein und der richtigen Crew in einem sehr lesenswerten Buch veröffentlicht. Zeit wurde es. Denn, Hand aufs Herz: Geskippert haben schon viele von uns, ob auf großen Yachten mit Crew oder auf dem alten Familien-Jollenkreuzer aus Holz auf dem benachbarten Tümpel. Kennen Sie auch das Was-Wäre-Wenn-Gefühl? Das Kribbeln in der Magengegend, das leise mahnend daran erinnert, dass es Situationen auf der (oder dem) See gibt, die grenzwertig sein können ? und die man trotzdem meistern können muss: Schließlich ist man der Skipper, ein Halbgott in Ölzeug.

Der hat Verantwortung. Und ist nie um eine passende Antwort verlegen. Der klettert auch mal hoch hinaus in den wild schwankenden Masttopp, um eine Falle zu klarieren. Oder hangelt sich bei Sturmstärke zum Bug, um die ausgerissene und wild um sich schlagende Genua zu bergen. Und zwar dann, wenn kein anderer mehr kann - oder will. Eines hätten die Segler neben ihrer teils recht soliden Ausbildung zum Sportschiffer nicht gelernt, so Segler Schenk: Sich in der Rolle des Skippers zurechtzufinden. In der Tat: Wie mit einem Bullshiter, einem Sonnenanbeter oder einem streitenden Ehepaar an Bord umzugehen ist, lehrt kein Segelschein-Lehrgang.

?Also doch Käpt`n Blight??, fragt der von der YACHT zu einem der besten hundert Segler geadelten Wassersportler in seiner neuen Skipperfibel, damit auf die Geschehnisse rund um die Meuterei auf der Bounty ? und auf das kontrovers diskutierte Thema ?Demokratie an Bord? anspielend. Schenk sagt: ?Wird die Entscheidungshierarchie aufgeweicht, ist kaum ein Schiffsführer in der Lage, sich im Ernstfall hundertprozentig durchzusetzen?, bei demokratischen Verhältnissen an Bord sei ein Autoritätsverlust des Skippers vorprogrammiert. Weltumsegler und Buchautor Bobby Schenk hat dazu seine eigene, ganz persönliche Meinung: Zwar sei Segeln für ihn eine Teamarbeit, jedoch nur ?mit einem Skipper, der ? wie der Bundeskanzler in unserer demokratischen Verfassung ? die Richtung vorgibt und das Sagen hat?.

Ein Sachverständiger des Gerichtsprozesses gibt Fahrtensegler Schenk Recht: Eine demokratische Schiffsführung führe stets zum Chaos. Wie auf der Apollonia: Hier gab es keine Hierarchie, von einem verantwortlichen, erfahrenen Skipper, der eindeutige und unmissverständliche Segelkommandos gab, ganz zu schweigen. Auf der Yacht sei zumeist sogar vor jedem Segelmanöver diskutiert worden ? ?eine Unmöglichkeit an Bord einer Hochseeyacht?, sagt Bobby Schenk, der seit seiner Versetzung in den Ruhestand zusammen mit Frau Carla auf einem 46 Fuß-Katamaran unterwegs ist, Kurs Südostasien. ?Nächste seglerische Ziele sind Vietnam, Myamar und Kambodscha?, sagt der Ausnahmesegler, ?am besten mit einer Crew, die sich zu Beginn des Törns nicht kennt. Schenk wolle zudem mit seinen Mitseglern nicht länger als zwei Wochen unterwegs sein, ?eine Woche ist optimal?. ? Nur zwei Regeln, die vor Törnbeginn von jedem Skipper beherzigt werden sollten, damit dieser seine Aufgaben an Bord gut erfüllen kann.

Welche das sind? Die Antwort darauf erscheint so simpel wie allumfassend: Dazu gehört zum einen, dass die Fahrt unter allen Umständen sicher abläuft. Zum anderen sollte der Törn für alle Mitsegler stets eines sein: Ein positives Erlebnis. Ich für meinen Teil skippere gern Yachten, auf denen gute Freunde oder meine Familie mitsegelt. Dann sollte eine leichte Brise wehen, und die Sonne scheinen, damit auch die Kinder Spaß haben. Hart mag ich es bei Regatten. Da ist auch die Verantwortung gerechter verteilt: Zwar haftet auch hier der Skipper, hat das Letztentscheidungsrecht, die ?Weisungsbefugnis?. Auf der Bahn weiß jedoch zumeist jeder, worauf er sich einlässt. Und zwar von vornherein. Das ist wichtig, falls mal ein Manöver in die Hose geht. Mindestens genauso gern bin ich aber auch ?nur? einfacher Mitsegler. Das ist kann für mich durchaus eine Art von Genuss beim Segeln darstellen.

Ich ziehe den Hut vor denen, die zum Skippersein berufen zu sein scheinen. Ich gehöre nicht dazu, was ich nicht besonders schlimm finde. Vielleicht freue ich mich gerade deshalb schon so auf meinen baldigen ?crewed yacht?-Frühjahrs-Törn mit meiner Freundin auf den Weiten des Indischen Ozeans? In diesem Sinne, herzlichst Ihr Matt. Müncheberg, info@muencheberg-media.com.



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