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Alt oder neu? Von Sinnestäuschungen auf See (Klassiker vor St.Tropez).
 
Montag, 05. Mai 2008

Alt oder neu? Von Sinnestäuschungen auf See (Klassiker vor St.Tropez).

von Matt - Muencheberg

Sinnestäuschungen bei der Les Voiles de St.Tropez. (c) nass-press.
Ein Treffen schwimmender Oldtimer ist für die Klassiker-Freunde unter den Seebären, was das Zusammentreffen von Spargel- und Trüffelsaison für einen Gourmet bedeutet, sagt mein Freund Hein: Ein berauschendes Fest der Sinne. Yachties huldigten nur zu gern der hölzernen Schönheiten, welche, anders als sie selbst, die Natur überlisten und mit dem Alter immer schöner werden können können. Zwar geht das nicht selten einher mit zahlreichen Schönheits-Operationen; so manches Mal kommen die alten Damen sogar um ein Total-Refit nicht herum.

Doch Vorsicht: In der Szene wird geschummelt, mahnt Hein. Nicht alle Klassiker seien echt: Wozu auch einen vergammelten, von Blaufäule und Würmern zersetzen Haufen Holzes kaufen, irgendwo hinter einem Schuppen aufgepallt, nur notdürftig abgeplant und mit der Zeit ? vergessen? Nichts für die aufstrebende, neue Fraktion der Freunde klassischer Linien. Sie sind die Vernünftigeren unter den Unvernünftigen, die kühlen Rechner, deren monetäres Fass zwar auch ein Loch hat, aber immerhin einen Boden. Sie würden niemals altes Holz kaufen, nur um es dann mühevoll und kostspielig wieder zusammenzufügen.

Häuslebauer kennen das Problem: Ein altes Bauernhaus zu einem bewohnbaren, modernen Heim um- und auszubauen, wird wohl zumeist ein wesentlich teurerer Spaß, als von Beginn an neu zu bauen. Im klassischen Yachtsport spricht man bei dieser Variante des auch nicht gerade preiswerten, aber immerhin kostensparenderen Neubaues nach alten Rissen von sogenannten Replica Yachts, Boots-Replikaten also, die nur so aussehen wie ihre alten Vorbilder, tatsächlich aber den Youngtimern zuzurechnen sind.

Ein gelungenes Beispiel für solch eine verzeihliche "Lüge" ist die 22 Meter lange Tioga, im Auftrag eines Amerikaners auf der Lie Nielsen- und der Hinckley-Werft auf Kiel gelegt. Lewis Francis Herreshoff, Sohn des Zauberers aus Bristol Nathaniel, zeichnete die Ketsch (einen Anderthalbmaster also, bei dem der größere Mast vorn steht und der hintere vor dem Ruder, erklärt Hein). Als Vorbild für die Tioga diente Lewis Francis die 1933 bei den Britt Brothers in Lynn/ Massachusetts gebaute Bounty, heute im Besitz des erfolgreichen Seglers und Hanse Yachts-Werftchefs Michael Schmidt.

Doch während Schmidts Bounty in Greifswald ?echt alt? und über die Jahre schonend in einer dänischen Klassiker-Schmiede restauriert wurde, kommt der Kielschwerter Tioga wie eine junge Dame daher, die sich durch eine aufwendige Kostümierung lediglich auf alt getrimmt hat. Denn erst 1988 wurde die Tioga auf Kiel gelegt. Kein Alter für einen echten Oldtimer. Zwanzigjährig macht der Neubau unter den Klassikern dennoch eine gute Figur. Nur Eingeweihte wissen um den Bauzeitpunkt des bei Regatten in der extra für Nachbauten eingerichteten, sogenannten Vintage Yacht Replica-Klasse startenden stolzen Bootes.

Ein Traum unter Segeln, sagt der Klassiker-Fan Peter Tess. Und kauft die Yacht 2005. Noch im selben Jahr begibt sich der in Bühl und St.Tropez lebende Segelbegeisterte auf einen Törn, an dessen Ende er in knapp vier Monaten mit seinem neuen, alten 20 Tonnen-Schiff 5.400 Seemeilen geloggt haben wird, etwa 1.500 Meilen im Monat. Neubauten haben durchaus ihre Vorteile gegenüber ihren älteren Schwestern: Zum einen lassen sich Kosten in Bau und Pflege gegenüber einer traditionellen Restaurierung sparen. Da landet man bei Yachten wie der Tioga für einen Refit alten Holzes schnell im sechsstelligen Euro-Bereich.

Doch auch, wenn es um die Zuverlässigkeit des neu verbauten Materials geht, gibt es Argumente, die durchaus für einen Neubau-Oldtimer sprechen: Auf dem von Extremen geprägten Törn um die halbe Welt bewährt sich etwa die klassisch anmutende Tioga mit ihrem frischen Holz und den mit modernen Materialien gefertigten Verbunden. Von Travemünde geht die Segelreise der Tioga über Polen, Schweden, Finnland, Irland, Spanien, Portugal und Gibraltar ins Mittelmeer. Wie sonst könnten wohl die Vorzüge eines Oldtimers und die eines Nachbaues so trefflich miteinander verwoben werden wie bei einem Boots-Replikat: Wo die strahlend weiße Yacht mit den Edelholz-Aufbauten auf ihrer Reise auch festmacht, sind ihr die Blicke der Liebhaber klassischer Linien sicher. Niemanden interessiert es, wie alt die Yacht wirklich ist.

Nur bei Regatten fahren die alten Damen und die jungen Ladies in separat gewerteten Gruppen; ein größerer Handicap-Faktor für die Neubauten verhindert, dass diese bei den Bewertungen allzu gut wegkommen. So wird auch dem Vorwurf der Schummelei begegnet, denn durch moderne Materialien, und vor allem durch ein neuzeitliches Unterwasserschiff, ließen sich bei Wettfahrten schnell ein paar Bootslängen herausholen, weiß Hein aus eigener Erfahrung zu berichten.

Neu oder Alt? Diese Frage stellt sich für Klassiker-Fan Peter Tess nicht. Bei der Voiles de St.Tropez blähen sich die 160 Quadratmeter Segeltuches stolz im Wind, und der strahlend weiße Rumpf reflektiert die hochstehende Mittagssonne. Hunderte bewundernder Blicke folgen der Ketsch von der steinernen Mole J.Reveille aus. Ihnen ist völlig egal, wie alt die maritime Kostbarkeit mit den harmonischen Linien wirklich ist, die da gerade unter weißem Tuch majestätisch an ihnen vorbeizieht. Hein ist das auch einerlei. Recht haben sie. Bis zum nächsten Treffen der alten Damen. Und der weit jüngeren Ladies. Es lebe die ? verzeihliche ? "Lüge". In diesem Sinne, Ihr Matt.Müncheberg,
info@muencheberg-media.com.

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